"Neue Zeit" Kommentar: "Kannibalismus" (von Günther Gruber)

Ausgabe vom 11. 1. 2001

Graz (OTS) - Was Minister Martin Bartenstein bei der Freigabe der Ladenöffnungszeiten vorschwebt, ist eine Art von Wirtschaftsliberalismus, der alle schlechten Eigenschaften dieses ideologischen Modells beinhaltet. Es ist nicht nur in höchstem Maße unsozial, es ist in Wahrheit auch wirtschaftsfeindlich. Die Erlaubnis, zu jeder Tages- und Nachtzeit 72 Stunden pro Woche offen zu halten, ist die Freigabe des Kannibalismus im Einzelhandel und auf dem Arbeitsmarkt.

Dem Wirtschaftsminister weht deshalb auch der eiskalte Wind jener Organisation entgegen, aus der er selber kommt, des ÖVP-Wirtschaftsbundes. Dieser weiß nämlich zum Unterschied des Großindustriellen Bartenstein sehr wohl, woher er seine Legitimation bezieht. Es sind die tausenden kleinen Kaufleute, die der Minister ein paar Dutzend Großmärkten und Ketten zum Fraß vorwerfen will. Dem Arbeitsminister wiederum bringen die Vertreter der ArbeitnehmerInnen schon gar kein Verständnis entgegen, auch nicht jene des ÖVP-Arbeiter- und Angestelltenbundes. Denn das Bartenstein-Modell würde alle Schleusen am Arbeitsmarkt öffnen, die Beschäftigten auf Abruf Tag und Nacht bereit stehen zu lassen. Heute im Handel, morgen überall. Wer nicht mit tut, ist den Job los. Das sind die Gründe, warum Bartenstein sowohl die Interessensvertreter der Arbeitnehmer als auch jene der Arbeitgeber gegen sich hat - noch dazu über alle Parteigrenzen, auch die seiner eigenen ÖVP, hinweg. Eine wahrlich seltene Allianz.

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