"Die Presse"-Kommentar: "Wenn sich zwei freuen" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 8.1.2001

WIEN (OTS).Wenn sich zwei streiten, auch in der Politik, freut
sich der Dritte. In Deutschland freuen sich zwei: Guido Westerwelle, Generalsekretär der FDP, der aus dem Streit zwischen dem Vorsitzenden Gerhardt und dem selbsternannten Mister FDP, Möllemann, als Sieger hervorgeht und wohl nächster Parteivorsitzender wird. Und Bundeskanzler Gerhard Schröder, der mehr denn je die Option einer rot-gelben Koalition offen hat.
Denn der designierte FDP-Vorsitzende will seine Freidemokraten wieder an die Macht bringen. Dort waren sie trotz immer schwacher Stimmprozente, aber dank großer "Flexiblität", was den Regierungspartner betrifft, die meiste Zeit ihrer Existenz, ehe Schröder die Grünen ins Regierungsboot holte. Und weil die FDP nach den nächsten Wahlen mit der immer noch angeschlagenen CDU/CSU kaum eine Mehrheit zustandebringen wird, dient sie sich eben der SPD an. Schröder kann's recht sein: Zu Beginn der zweiten Hälfte seiner Regierungstätigkeit, da er gerade wieder einen Durchhänger hat, kann er den Grünen mit der FDP im Talon noch mehr abringen, als bisher. Und die Grünen mit ihrem als Polizisten-Schläger geouteten Joschka Fischer könnten noch mehr in die Krise geraten.
Dennoch darf sich der Machtinstinkt-sichere Schröder nicht zu früh freuen. Der Machtkampf bei den Liberalen, das sagenhafte Intrigenspiel, ist nicht ausgestanden. Zwar haben der ehrgeizige Möllemann und der genauso ehrgeizige Westerwelle gemeinsam den statischen Parteichef Gerhardt ausgehebelt. Aber Möllemann, der im Mai bei Wahlen in Nordrhein-Westfalen einen Triumph gelandet hat, hat seinen Traum von der eigenen Kanzlerkandidatur noch nicht aufgegeben. Und der aktionistischste aller deutschen Politiker, der um seine Zugkraft weiß, wird sich von Westerwelle nicht so klanglos in die zweite Reihe abschieben lassen.
Das Problem der FDP: Wo sie politisch wirklich steht, weiß auch mit Westerwelle an der Spitze niemand. Wenn sie sich dann auch personell zerfleischt, wird sich Schröder noch nach den Grünen sehnen. Wenn er die aber zu sehr gedemütigt hat und sie weiter verlieren, könnte er plötzlich zwischen zwei Stühlen sitzen.

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