"Kleine Zeitung" Kommentar: "Grüne und rote Karten" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 6.1.2001

Graz (OTS) - Ein düsteres Bild malen die Funktionäre der Wirtschaft, sollte nicht rasch die Rettung in Gestalt von importierten IT-Spezialisten eintreffen. Sonst werde der Industriestaat Österreich auf den Status eines Entwicklungslandes zurückfallen, wenn er aus Mangel an Fachkräften die Chancen der neuen Technologien nicht nützen könne.

Geht man den Hilferufen nach, zeigt sich, dass der Alarm übertrieben ist. Die Hochrechnung, wonach angeblich zigtausende Computer-Spezialisten fehlen, basiert auf ziemlich oberflächlichen Umfragen.Wäre der Bedarf wirklich so groß, wie lauthals behauptet wird, müsste das ohnehin sehr restriktive Kontingent für ausländische Schlüsselkräfte längst ausgeschöpft sein. Das ist jedoch nicht der Fall, obwohl die bürokratischen Hürden für die Arbeitsbewilligung von Informatikern abgebaut wurden.

Auch die Einführung von "Green Cards", die Computer-Spezialisten aus Ländern außerhalb der EU einen ungehinderten Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnen sollen, würde das Problem nicht lösen. Die Erfahrungen in Deutschland, wo bloß zwei Zehntel der ausgelobten Bewilligungen vergeben werden konnten, sind ernüchternd. Inder und Asiaten gehen lieber nach Amerika, wo die "Green Card" ein erprobtes Instrument der gesteuerten Zuwanderungspolitik ist.

Bevor also Österreich an die Ausgabe solcher grünen Karten schreitet, sollte dem Präsidenten der Industriellen vereinigung, der "Green Cards" für IT-Arbeitskräfte aus den Oststaaten fordert, zunächst einmal die rote Karte gezeigt werden. Der Wirtschaft, vor allem der Industrie, kann die Frage nicht erspart bleiben, was sie in den letzten Jahren für die Ausbildung von Fachkräften der Informationstechnologien getan hat.

Es war die Industrie, verstaatlicht und auch privat, die ihre Lehrwerkstätten zuge sperrt hat. Mag sein, dass gewisse Fertigkeiten nicht mehr gefragt waren, aber warum wurde die Ausbildung nicht auf die künftigen Anforderungen umgestellt? Die Fantasie der Manager, die sich so gerne für ihren Weitblick rühmen lassen, reichte nur dazu, scheinbar überflüssige Kostenträger los-zuwerden.

Früher, als auch noch die Erfahrung älterer Mitarbeiter geschätzt wurde, wussten die Unternehmen, dass sie sich nicht darauf
verlassen durften, ihre Arbeitskräfte auf dem Markt zuzukaufen, sondern dass sie in die Schulung und Weiterbildung investieren mussten.

Die Zeiten, in denen der Markt funktionierte, weil das Angebot größer war als die Nachfrage, sind vorbei. Die Arbeitslosigkeit ist auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Das ist nicht
nur dem milden Winter oder der guten Konjunktur zu verdanken. Es beginnt auch schon der langfristige Trend zu wirken, dass die geburtenstarken Jahrgänge aus dem Berufsleben ausscheiden und die geburtenschwachen Jahrgänge nachrücken. Das ist in ganz Europa ähnlich.

Deshalb ist der Glaube, man könnte das Problem der Spezialisten oder der Pensionen durch die Öffnung der Grenzen lösen, eine Illusion und ebenso populistisch wie die Parole von der Null-Zuwanderung.

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