"Die Presse" Kommentar: "Analysten und Propheten" (von Andreas Schwarz)

30.12.2000

Wien (OTS) Der Jahreswechsel ist gemeinhin auch die Zeit der Propheten. Nicht
derer aus dem Morgenland, sondern jener Wahrsager und Prognosen-Anbieter, die einen Urinstinkt des Menschen befriedigen: die Neugier, was die Zukunft bringen möge.
Daß der ebenfalls zum Jahreswechsel gehaltene Rückblick die Voraussagen mit einer Tendenz gegen 100 Prozent Lügen straft, tut dem Geschäft keinen Abbruch: Der Mensch liebt es, das Unwägbare gewogen zu bekommen, sich an (vermeintlicher) Sicherheit zu orientieren. Wen kümmert schon die Prognose von gestern, wenn das gegossene Blei von heute in die bessere Zukunft weist?
Spätestens seit dem heurigen Jahr kümmert's zumindest all jene, die sich auf professionell anmutende Prognosen nicht bloß zum Jahreswechsel verlassen und damit viel Geld verloren haben. Denn wer allzu bereitwillig auf Analysten gehört hat - auf jene Börsenbeobachter also, die schon kraft ihrer Berufsbezeichnung die Aura der profunden Kenntnis umweht -, der fand sich unversehens im Gegenwind der ökonomischen Realität, die mit der prognostizierten Entwicklung nur wenig gemein hatte.
Gewiß, einzelne Mahner haben vor dem maßlos überschätzten High-Tech-Markt und einem Platzen der Technologie-Blase gewarnt. Aber schick blieb es dennoch, auf jene Branche zu setzen, in der eine Idee und kein Kapital reichten, an den Börsen Furore zu machen - auch deshalb, weil Börsebeobachter nach den ersten Schwächeanzeichen im Frühjahr nur einen kurzen Unterbruch des Booms sehen wollten (nicht selten, um vom eigenen Institut gehaltene Titel zu pushen). Der Unterbruch erweist sich zum Jahresende als kapitaler Absturz: Die amerikanische Nasdaq trudelte um fast 40 Prozent, Blue-Chips und e-Commerce-Firmen erlebten ihr Waterloo, der Wiener ATX magerte um satte zehn Prozent ab.
Gewinne macht mit all den Prognosen nur die gutbezahlte Branche der Kurs-Voraussager. Der ihnen Vertrauende dagegen hat heuer bloß die Erkenntnis gewonnen, daß ökonomische Prognosen ungefähr so zutreffend sind wie die diversen prophetischen Scharlatanereien zum Jahreswechsel - aber wenigstens der ist sicher.

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