Schüssel denkt seinen Neujahrsvorsatz nicht zu Ende von Daniela Friedinger

Kommentar 30.12.2000

Wien (OTS) - Vielleicht liegt es daran, dass Neujahrsvorsätze
gerne mit Nein beginnen. Mit Jahreswechsel sage ich Nein zur Zigarette, Nein zum verlockenden Gläschen Wein. Die Regierung jedenfalls hat sich vorgenommen, Nein zu einer Ausweitung der Neuzuwanderung zu sagen. Und egal, ob diese Festlegung nun auf Kanzler Schüssels Mist gewachsen oder aus den Kärntner Hirnen des Koalitionspartners entstanden ist die Regierung hat auf den zweiten und entscheidenden Teil eines Neujahrsvorsatzes vergessen: Er sollte positive Auswirkungen haben. Das freilich ist bei einem Manko an IT-Experten, das das Wifo vorsichtig mit 13.000 Personen bis 2003, eine mutigere Studie sogar mit bis zu 85.000 beziffert, nicht zu erwarten. Auch Schüssels Vorschlag, der wohl nur als Erheiterung in der stillsten Zeit des Jahres gemeint sein kann, wird daran nichts ändern. Wenn er der Wirtschaft nahe legt, sich in Finnland, Griechenland oder Portugal nach IT-Kräften umzusehen, vergisst der Kanzler abermals den zweiten Teil: Selbst wenn diese Länder nicht mit Vollbeschäftigung glänzen, werden auch dort die Computerprofis mit Sicherheit nicht stempeln gehen. Schüssel aber lässt die Wirtschaft mit dem IT-Problem alleine. Dabei gilt es bei aller Berechtigung des Vorwurfs, sie sei bei der Ausbildung lange Zeit selbst auf der faulen (und kostengünstigeren) Haut gelegen, eines zu bedenken: In der Schnelligkeit, mit der der IT-Zug fährt, werden sich die Betriebe ihre benötigten Experten nicht nur selbst heranzüchten können. Jede noch so lobenswerte Initiative, wie die der Wirtschaftskammer, die 20 Millionen für Studenten in zukunftsträchtigen Fächern springen lässt, bleibt da ein Tropfen auf dem heissen Stein. Schliesslich hält Österreich bei gerade mal 850 IT-Studienabgängern jährlich. Ein paar mehr ändern nichts am Kernproblem. Natürlich wird dieses nicht durch Green Cards alleine lösbar sein. In diesem Punkt mag der Kanzler Recht haben. Doch auch hier hat er nicht zu Ende gedacht: Wenn schon Njet zur Zuwanderung, sollte es vernünftige inländische Initiativen geben. Etwa könnte sich die österreichische Regierung ein Beispiel an der niederländischen nehmen. Diese macht ihren Betrieben die Weiterbildung der Mitarbeiter durch steuerliche Anreize schmackhaft. Doch egal wie, das Problem endlich anzugehen sollte nicht bloss ein frommer Neujahrswunsch bleiben. (Schluss) df

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