DER STANDARD-Kommentar: "Samtene TV-Revolution" (von Josef Ertl) - Erscheinungstag 29.12.00

Wien (OTS) - Die tschechischen Bürger sind Augenzeugen einer zweiten, samtenen Revolution. Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen tobt ein Machtkampf, der zur Folge hatte, dass über die Weihnachtsfeiertage zweierlei Nachrichtensendungen ausgestrahlt wurden: Die offiziellen, vom neu installierten Generaldirektor gestalteten und jene der rebellierenden Journalisten. Die Situation eskalierte, nun sind die Schirme überhaupt schwarz.

Die Hintergründe der Auseinandersetzung in Prag erinnern fatal an Österreich. Es geht um den massiven Einfluss der regierenden Parteien auf das Fernsehmonopol. Die Sozialdemokraten unter Milos Zeman und die konservative Demokratische Bürgerpartei von Vacl´av Klaus haben mittels den von ihnen beschickten Fernsehrat überfallsartig einen neuen Generaldirektor installiert. Die Journalisten lehnen diesen Parteigünstling - er war Pressesprecher der Bürgerpartei - ab, der unter anderem die Übernahme des Amtes des Staatspräsidenten für Klaus vorbereiten soll. Eine unglaubliche Solidaritätswelle für die "aufmüpfigen" Journalisten setzte ein: Von Präsident Vacl´av Havel bis hin zu den Medien, den Künstlern und der Mehrheit der Bevölkerung. Tausende Demonstranten skandierten vor dem Fernsehgebäude "Freiheit, Freiheit!" Das war zuletzt beim Sturz der Kommunisten 1989 der Fall.

Die Rebellion spiegelt die latente politische Krise im Land wider. Seit den Wahlen 1998 gibt es faktisch keine Opposition mehr. Die Sozialdemokraten und die Bürgerlichen sind mit einigem Erfolg bestrebt, den Einfluss im Land auch ohne formelle Koalition unter sich aufzuteilen. Die Qualitätszeitung Dnes beklagt, nach zehnjährigen Bemühungen um den Aufbau der Demokratie stehe man wieder an der Schwelle zu einer Bananenrepublik. Der Machtkampf im Fernsehen ist ein Test für die tschechische Zivilgesellschaft.

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