DER STANDARD - Politik: Die Präsidenten Havel und Klestil publizieren Exklusiv-Texte im STANDARD und in "Mlada fronta Dnes" zur Temelin-Debatte und zur EU-Erweiterun - Erscheinunstag Freitag, 29.12.00.

Wien (OTS) - Der österreichische Bundespräsident Thomas Klestil und der tschechische Präsident Václav Havel sind übereinkommen, sich über Zeitungen beider Länder mit ihren Neujahrswünschen direkt an die Öffentlichkeit zu wenden, um damit anzufangen "einander besser zuzuhören". Bundespräsident Klestils Beitrag erscheint im Prager Blatt "Mlada fronta Dnes" und im Wiener "Standard", Havel wendet sich exklusiv über den "Standard" an die Österreicher.

Klestil schreibt unter anderem: "Unsere beiden Völker liegen im Herzen Europas; und ich hege die Hoffnung, dass wir bald völlig umgeben sein werden von Staaten, die wie Tschechien und Österreich Teil jenes friedlichen, freien und prosperierenden gemeinsamen Europas sind, das Schluss macht mit Erbfeindschaften und Revanchegelüsten, aber auch mit Bevormundung und Besserwisserei. Es hieße freilich die Augen verschließen, würden wir blind sein für die Wunden, die unsere Vorfahren einander zugefügt haben. Andererseits sollten wir auch die positiven Seiten jenes langen Miteinander in einem gemeinsamen, vielsprachigen, kulturell fruchtbaren und von Grenzen nicht behinderten großen Reich sehen, das 1918 zerbrach."

Zur Problematik um das AKW Temelín schreibt Klestil: "Enge Nachbarn können Probleme nur gemeinsam lösen und müssen auch die Nöte und Sorgen der jeweils anderen Seite im Auge behalten. Das gilt auch für das Problem des AKW Temelín. Ich bitte unsere tschechischen Freunde, zu verstehen, dass die Angst vor der Atomkraft - generell - für viele meiner österreichischen Mitbürger sehr ernst ist. Wir Österreicher haben immerhin auch selbst unser praktisch fertig gestelltes Atomkraftwerk Zwentendorf nach einer Volksabstimmung und unter beträchtlichen Opfern der Steuerzahler nicht in Betrieb genommen. Vertrauensbildende Maßnahmen sind in dieser Frage für meine Landsleute unerlässlich."

Zur EU-Ostweiterung betont Klestil, "dass im Regierungsprogramm unserer Bundesregierung sich Österreich zur EU-Erweiterung bekennt und sie aktiv unterstützen wird. Ich verschweige dabei nicht, dass es in österreichischen Bezirken entlang unserer gemeinsamen Grenze regionalwirtschaftliche und Arbeitsmarkt-Probleme geben kann und dass darüber noch verhandelt werden muss. Wir alle werden später einmal von der Geschichte dafür verantwortlich gemacht, ob wir die einzigartige Chance eines geeinten, freien und demokratischen Friedens- und Wirtschaftsraumes zwischen Ostsee und Adria erkannt und verwirklicht haben. Erst das würde auch die eigentliche Überwindung jenes katastrophalen 20. Jahrhunderts bedeuten, das auch uns Mitteleuropäer in so schrecklicher Weise heimgesucht hat."

In seiner, exklusiv im "Standard" erscheinenden Neujahrsbotschaft an die Österreicherinnen und Österreicher schreibt der tschechische Präsident Václav Havel unter anderem: "Die tschechisch-österreichischen Beziehungen befinden sich heute in einer Art ,Halbzeit' : erst zehn Jahre lang entwickeln sie sich ohne einer starren, und verwunschenen Perspektive des Eisernen Vorhanges, der nicht nur uns, sondern vielmehr ganz Europa trennte. Wir haben es uns schon angewöhnt, diesen neuen Abschnitt als einen "sehr guten" zu bezeichnen, wenn nicht gar - historisch gesehen - als den "besten" überhaupt."

Aber: "In unserer Beziehung herrscht immer noch viel Unkenntnis, Bitterkeit und Argwohn. Manchmal scheint es ja, dass die gute zehnjährige Entwicklung problematisiert wird, und sich der Himmel über uns erneut zuzieht. Viele sehen jedoch vor allem die mächtigen Silhouetten der Kühltürme des neuen Kernkraftwerkes im südböhmischen Temelín."

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"Ist Temelín nicht vielmehr ein Symbol für ein tiefes tschechisch-österreichisches Unverständnis? Gemeinsam mit so manchem österreichischen Historiker frage ich mich: stört denn die Österreicher nicht vor allem die Tatsache, dass es sich um ein tschechisches Werk handelt? Oder noch weiter, ist es nicht ein Symbol für alle rationalen und irrationalen Ängste, die auf einer Erweiterung der Europäischen Union beruhen - jenem bösen Traum, in dem sich a priori der "verdächtige" Unheilsreaktor sowjetischer Kastration beinahe diabolisch mit den westlichen Sicherheitsstandards verbindet - und somit eine "naive" Auffassung der wirklich großen Gefahr repräsentiert? Wollten die Österreicher mit ihren Protesten tatsächlich die tschechische Öffentlichkeit ansprechen? Die tschechische Seite fühlte sich jedenfalls nicht angesprochen - und reagierte alsdann zu neurotisch und mimosenhaft."

"Österreicher und Tschechen wissen sehr wohl, dass ich kein fanatischer Befürworter der Kernenergie bin," schreibt Havel im "Standard". "Nichts desto Trotz ist Temelín heute Realität, und für seine Sicherheit zeichnen sich höchst renommierte Fachgremien verantwortlich. Temelín kann heute vor allem als eine große, gemeinsame Herausforderung angesehen werden. Denn künftig sollen grundlegende Fragen der Energiepolitik, sowie Fragen nach der bestmöglichen Sicherheit in Kernkraftwerken, auf europäischem Niveau gelöst werden. Tschechien hat genauso wie Österreich größtmögliches Interesse an der Sicherheit dieser Einrichtungen. Hier könnten wir wirklich eng kooperieren, denn nicht jeder Staat bevorzugt solch strenge Kriterien. Und weil ich Optimist bin, glaube ich daran, dass die Erfahrungen und Argumente aus der Temelín-Kontroverse unseren beiden Ländern von Nutzen sein werden."

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