"Die Presse"-Kommentar: "Herkules-Aufgaben in Serbien" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 27.12.2000

WIEN (OTS). Am Ende war Slobodan Miloseviv nicht besonders gesprächig. "Ein gutes neues Jahr" war alles, was er den Wählern wünschte. Das serbische Volk nahm sich die kargen Worte seines ehemaligen Machthabers zu Herzen und schickte Milosevics Partei bei den Parlamentswahlen in die Wüste. Lediglich 13 Prozent der Serben stimmten für ihren einstigen Herrn. Mit knapp zwei Drittel der Bevölkerung hinter sich hat nun das Oppositionsbündnis DOS den Auftrag, das Land in eine bessere Zukunft zu führen.
Die halbe Revolution vom vergangenen Oktober, als Massenproteste Milosevic dazu zwangen, seine Niederlage bei den jugoslawischen Präsidentenwahlen einzugestehen, kann nun vollendet werden. Serbiens Wähler haben den Demokraten das Pouvoir gegeben, die korrupte Elite des Ancien Régime aus den ihr zuletzt noch verbliebenen Bastionen in Justiz, Polizei, Armee, Geheimdienst und Wirtschaft zu entfernen. Für Milosevic und seine Vasallen dürfte es nun ungemütlich werden. Serbiens designierter Premier, Zoran Djindjic, hat bereits angekündigt, daß auf den früheren Staatschef nun einige Gerichtstermine zukommen werden. Milosevic werde sich für Korruption, Wahlbetrug und mögliche Anstiftung zu Attentaten verantworten müssen, sagte Djindjic. Bemerkenswerterweise sollen jedoch die größten Bluttaten des alten Regimes vorerst ungesühnt bleiben: Eine Auslieferung Milosevics an das Haager Kriegsverbrechertribunal lehnen die neuen Machthaber in Belgrad nach wie vor ab. Sie entsprechen damit einer weitverbreiteten Stimmung im Volk. Immer noch fühlen sich die Serben als Opfer und nicht als Täter. Sie werfen Milosevic vor, daß er in den vergangenen zehn Jahren vier Jugoslawien-Kriege verloren hat. Daß er die Kriege entfacht und eine ganze Region in tiefste Abgründe gestürzt hat, steht kaum zur Debatte. Doch früher oder später wird die serbische Gesellschaft den Blick in den Spiegel der Vergangenheit wagen müssen. Ganz ohne "Mea culpa" wird es nicht abgehen. Wie soll Serbien sonst seine Beziehungen zu seinen Nachbarn auf ein gesundes Fundament stellen? Die internationale Gemeinschaft ist dazu angehalten, Belgrad nicht aus der Pflicht zu lassen. Um zu verhindern, daß sich die Geschichte der bestialischen Balkan-Kriege noch einmal wiederholt, muß der Gerechtigkeit genüge getan, muß ein Zeichen für die nachfolgenden Generationen gesetzt werden.
Das Erbe, das Milosevic seinem Volk hinterlassen hat, lastet schwer. Auf die neue Regierung warten Aufgaben herkulischen Ausmaßes. Die Wirtschaft des Landes liegt völlig darnieder. Das durchschnittliche monatliche Einkommen liegt bei 600 Schilling, um 300 Schilling weniger als im Jahr zuvor. Die Hälfte der serbischen Bevölkerung ist arbeitslos. Die kärglichen Einkommen wird von einer Inflation von über 100 Prozent aufgefressen. Viele müssen sich Sorge machen, wie sie über den Winter kommen. Vordringlichste Aufgabe von DOS wird es sein, die Hoffnung der Bevölkerung auf ein besseres Leben nicht zu enttäuschen. Gelingt dies nicht, dann könnte das Pendel zurückschlagen wie zuletzt in Rumänien, wo nach den jüngsten Wahlen wieder die Post-Kommunisten das Sagen haben. Der Westen sollte sich dieser Gefahr bewußt sein und dementsprechend zur Seite stehen. Investoren wird man freilich nur anlocken können, wenn halbwegs stabile politische Verhältnisse gegeben sind. Belgrad muß daher möglichst rasch sein Verhältnis zur Teilrepublik Montenegro und zur abtrünnigen Provinz Kosovo klären.
Bei aller Aufbruchstimmung, bei allem Anlaß zum Optimismus nach dem Wahlsieg der Opposition: Serbien wird wohl mehrere "gute Jahre" brauchen, um die verlorenen Jahre der dunklen Ära Milosevic wieder wettzumachen.

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