"Kleine Zeitung"-Kommentar: "Das Wort und das Fleisch" (Von Hans Winkler)

Ausgabe vom 24. 12. 2000

Graz (OTS) - Kurz vor Weihnachten war ich bei meinem praktischen Arzt. Der hat eine bescheidene Ordination. Seine Patienten kommen aus allen Schichten, in der Mehrheit sind es einfache Leute. Der Doktor ist ein feiner, ein nachdenklicher und mitfühlender Mensch, der zuhören kann und dem die Menschen viel erzählen.

An jenem Tag machte er einen müden Eindruck. "Manchmal frage ich mich, was eigentlich los ist mit uns", sagte er etwas bedrückt. "Für immer mehr Menschen wird das Leben anscheinend immer schwerer. Wie viele Leute es gibt, die in schwierigen, oft unausweichlich tragischen Situationen sind!"

Am nächsten Tag meldeten die Zeitungen, dass heuer 20 Milliarden Schilling für Weihnachtsgeschenke ausgegeben worden sind. Es muss uns also sehr gut gehen, jedenfalls der großen Mehrheit von uns. Anscheinend sind wir, aber das ist ohnehin eine alte Weisheit, arm und reich zugleich.

Weihnachten feiern wir unterdessen auf ziemlich lockere Weise, manche Rituale der alpenländischen Sentimentalweihnacht haben wir leichthin aufgegeben. Der Chanukka-Leuchter hat den Adventkranz verdrängt, der Weihnachtsmann das Christkind, statt zur Weihnachtsfeier lädt der Chef zum Essen in ein schickes Restaurant. Von Tannenduft und rieselndem Schnee zu reden, ist schon rein meteorologisch unzeitgemäß.

Zugleich werden wir von Ängsten heimgesucht, die wir uns selbst bereiten und deren realer Bedrohungsgrad für den Einzelnen oft von geringer Wahrscheinlichkeit ist: Angst vor Temelin, vor dem Verlust sozialer Besitzstände, Angst vor der Zukunft überhaupt.

In diesem Jahr ist die Politik wieder in ihr Recht getreten. "Neu zu regieren" verspricht die jetzige Koalition und eine "Wende" wollte sie herbeiführen. Schon in ihrem ersten Jahr hat sie erfahren müssen, wie schwer ein solcher Anspruch zu erfüllen ist. Obwohl die Menschen dem politischen Personal häufig misstrauen, haben sie dennoch große Erwartungen in die Politik.

"Gute Politik ist gerecht und vorausschauend", sagte Kardinal Schönborn gestern. Mit einem altmodisch gewordenen Begriff könnte man auch sagen, sie muss das Gemeinwohl im Auge haben. Das ist besser und umfassender als die schwammige Redensart von der "sozialen Wärme". Für dergleichen ist die Politik nicht da, das fällt in die Zuständigkeit der Einzelnen und ihrer Gemeinschaften, die zu stärken und zu fördern sich die Politik freilich angelegen sein lassen muss.

"Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." So lautet beim Evangelisten Johannes die Botschaft dieses Festes. Fleisch -das klingt geradezu provokant in diesen Tagen der BSE-Ängste, aber es steht trotzdem so da.

In der Welt der Politik hat sich häufig das reale "Fleisch" des Lebens zum bloßen Wort verflüchtigt, in der virtuellen Welt der elektronischen Medien ist es zum Bild, Talk oder Taxi (orange) verdünnt.

Um das Wort Fleisch werden zu lassen in unser aller Leben, sollten wir vielleicht weniger von den anderen oder von der Politik, aber mehr von uns selbst verlangen. ****

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