DER STANDARD-Kommentar: "Offener Brief an das Christkind: Was sich Journalisten zu Weihnachten von der Politik wünschen" (von Martina Salomon) - Erscheinungstag 23.12.00

Wien (OTS) - Martina Salomon=

Noch bevor wir die vierte Adventkerze anzünden und
ermattet auf ein turbulentes Innenpolitik-Jahr zurückblicken, lasst uns kurz innehalten. Schließlich haben auch Journalisten Weihnachtswünsche. Und zwar an jene, die den Anspruch erheben, das Volk zu vertreten.

Also, liebes Christkind: Zunächst einmal richte bitte dem Herrn Bundeskanzler Wolfgang Schüssel aus, dass er künftig ein bisserl weniger zeigen soll, wie sehr er sich allen anderen - und insbesondere dem Medien-Fußvolk - überlegen fühlt. Gegen diese Klimaerwärmung kann doch niemand etwas haben, oder?

Und bitte, lass uns das nächste Jahr ein wenig sachlicher und differenzierter ange hen - auf beiden Seiten. Weniger Moralkeulen bitte! Nicht jeder politische Vorschlag der FPÖ muss gleich mit Killerargumenten niedergeknüppelt werden, nur weil er sozusagen von der falschen Seite kommt. Die Spaltung des Landes in Moralische und Unmoralische verhindert jegliche sinnvolle Auseinandersetzung, findest Du nicht?

Zugegeben: Dafür müssten endlich alle und nicht nur ein Teil der Freiheitlichen einen salon- und regierungsfähigen Ton finden. Wir bitten die FPÖ daher inständig darum, nie mehr unabsichtlich in NS-Vokabular zu verfallen.

Als Journalist könnte man dem "kleinen", vor einem Jahr übrigens noch stimmenstärkeren Koalitionspartner natürlich auch zurufen: "Bleibt so!" Denn das hält das Interesse der Leser an Innenpolitik brutal wach, und uns geht nie der Stoff zum Schreiben aus.

Aber beim nächsten fälligen Ministerwechsel hätten wir auf jeden Fall gern ein bisschen weniger Geheimniskrämerei! Vielleicht müsstest Du, liebes Christkind, dafür den Freiheitlichen einen vernünftigen Personalpool schenken, aus dem sie schöpfen können. Oder ist dafür gar die Neugründung der Partei notwendig?

Wenn Du damit fertig bist, liebes Christkind, dann rüttle bitte die SPÖ ein wenig aus ihrer Schreckensstarre auf. Es wird langsam Zeit, dass sie sich mit der Opposition abfindet. Aber hindere Alfred Gusenbauer um Himmels willen auf keinen Fall daran, weiter Tagebuch zwischen Attnang-Puchheim und Paris für das Format zu schreiben (Originalzitat: "Mutter ist stolz auf mich"). Schließlich muss es auch Highlights im Journalistenalltag geben.

Und apropos: Von Viktor und Sonja Klima wünschen wir uns noch viele Interviews wie jenes in News! Noch mehr über Millionengage, Polo-Trainer und noch viel mehr Modefotos von der Gattin, die seinerzeit im Namen der Spin- Doktoren noch basisnah behauptet hatte, bei Turek einzukaufen. Wir haben uns göttlich amüsiert!

Ehrlich gesagt gehen uns ja die Spin-Doktoren schon irgendwie ab! Dieser Hauch von amerikanischer Professionalität, der uns damals umwehte! Aber, liebes Christkind, erzähle das keinesfalls dem Alexander Van der Bellen. Schließlich hat seine Technik was! Die langen, irritierenden Sprechpausen! Die in Sorgenfalten gelegte Miene! Und das Tiroler Idiom! Dieses Quäntchen an Individualität inmitten geklonter Sprechtechnik ist schließlich seine Trade- mark und offenbar auch das Geheimnis seines Erfolgs.

Eines unserer Herzensanliegen zu Weihnachten wäre ja ohnehin, dass es weniger zu Tode gecoachte, ferngesteuerte und neurolinguistisch programmierte Politiker gibt. Es ist leider Mode geworden, niemals die Fragen der Journalisten zu beantworten, sondern haarscharf daran vorbei die eingelernte Eloge runterzuleiern. Bitte mehr Authentizität (es muss ja nicht gleich so schlimm ausarten wie bei Elisabeth Sickl)!

PS: Bitte, liebes Christkind, mach auch den Herrn Bundespräsidenten ein bisschen lockerer. Auch wenn er offenbar schwer an der Last der Verantwortung trägt. Aber schließlich ist er ja gar nicht dafür verantwortlich, einen passenden Nachfolger für Hilmar Kabas zu finden. Ach, apropos: Würdest Du den bitte endlich ein wenig erleuchten? Damit wir dem Wiener Wahlkampf entspannter entgegensehen können!

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