"Die Presse" Kommentar: "Fürchtet euch nicht" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 23.12.2000

Wien (OTS)Ein Höhepunkt des Weihnachtsevangeliums ist der Ruf der Engel:
Fürchtet euch nicht! Er ist wohl nicht nur an die Hirten auf dem Feld gerichtet. Er verdient es, ernst genommen zu werden, besonders in einem Zeitalter, in dem wir uns alle am liebsten fürchten. Und zwar mit besonderer Inbrunst dort, wo die Gefahren besonders gering, oft nur eingebildet sind.
Mit Fassungslosigkeit hat man im ablaufenden Jahr etwa mehrfach ansehen müssen, wie sehr sich die christlichen Kirchen - die alle derzeit mit großem Aufwand dieselben Weihnachten feiern - vor der Einheit miteinander fürchten. Ökumene ist heute für viele in der katholischen Kirche das, was seit einigen Jahrhunderten trennt, und nicht das, was seit zwei Jahrtausenden gemeinsam ist - viel mehr als Weihnachten. Aber auch Protestanten und Orthodoxe zeigen sehr wenig christlichen Geist der Brüderlichkeit.
Die Kirche in Österreich fürchtet sich überdies, ganz auf ihre staatskirchliche Stellung zu verzichten. So hätte sie nach Kaprun -wenn sie schon einen ökumenischen Konsens ablehnt - auch der Republik sagen können: Wir feiern in Salzburg unser Requiem für unsere Gläubigen und sind nicht der ewige Zeremonienmeister des Vaterlandes, wenn das ohnedies nur zu Ärger führt.
Die Kirche fürchtet sich auch zu sagen: Nächstenliebe, Caritas, ist individuell wie kollektiv eine unserer - sehr mühevollen -Hauptaufgaben, der wir uns mit voller Kraft hingeben. Statt dessen konzentrieren sich viele Amtsträger in Sachen Caritas ständig darauf, dem Staat zu sagen, was der tun soll. Motto: Liebe deinen Nächsten, indem du Dritten sagst, was sie für deinen Nächsten tun sollen.
Wenig Mut haben auch jene kirchlichen Bedenkenträger gezeigt, die sich gewünscht haben, daß der Kärntner Landeshauptmann auf seinen Papstbesuch verzichtet, als ob Haiders deplacierte Sprüche schlimmer wären denn die blutigen Verbrechen vieler anderer Papst-Gäste. Wenn schon in der Kirche der Satz "Fürchtet euch nicht" so folgenlos verhallt, ist es kein Wunder, wie sehr sich auch die Menschen vor allem möglichen fürchten. Offenbar brauchen sie ein ständiges Quantum an Angst, obwohl das wirkliche Mitteleuropa derzeit eigentlich ein recht angstfreies Leben erlauben würde.
Da haben die Mühlviertler lähmende Angst vor dem neuen tschechischen Atomkraftwerk, obwohl es viel wahrscheinlicher ist, daß sie auf dem Weg zu einer Anti-Temelín-Demonstrationen von einem Auto niedergefahren werden, als daß Temelin explodiert. Da fürchtet sich ganz Europa vor BSE, obwohl das Risiko ein Promille jener Gefahr ist, der man sich durch Rauchen oder Übergewicht aussetzt. Da wird ständig Panik vor Mobiltelephonen oder Sendern gemacht, obwohl alle seriösen Studien nicht einmal ein marginales Restrisiko sehen. Da fürchten sich Beamte und vor allem Uni-Assistenten vor dem Ende der Pragmatisierung wie vor dem Ende der Welt, als ob jene Österreicher, die ohne die Segnungen der Pragmatisierung leben (und die Pragmatisierten finanzieren) müssen, eine unerträgliche Existenz fristen würden.
Je absurder die Gefahren sind, die in einem Thriller Schrecken verbreiten sollen, umso länger die Schlangen vor den Kinokassen. Offenbar verhält es sich im wirklichen Leben genauso. Gerade in jener Epoche der Geschichte, in der uns Wissenschaft, Marktwirtschaft und politische Stabilisierung ein längeres, ein sicheres und und ein gesättigteres Leben denn je verschafft haben, fürchten wir uns lieber denn je.
Es ist wahrscheinlich, daß sich die Menschheit nicht ewig dieses Goldenen Zeitalters wird erfreuen können. Es ist aber auch sehr wahrscheinlich, daß die Wende nicht durch jene Gefahren kommen wird, vor denen wir uns derzeit so sehr fürchten, sondern durch ganz andere.

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