DER STANDARD-INNENPOLITIK: "Diskussion über Gesundheitsreform: Sollen Patienten zur Kasse gebeten werden? - Solidaritätsprinzip gesucht: Ärztekammerchef gegen Selbstbehalt, aber für generelle

Beitragserhöhung" (vomn Martina Salomon) - Erscheinungstag 22.12.00=

Wien (OTS) - Keine Selbstbehalte, dafür aber moderate Beitragserhöhungen in der Krankenversicherung. Das wünscht sich Wiens Ärztekammerpräsident Walter Dorner im Standard-Interview. Und er bringt dazu auch gleich den passenden Vergleich: "Kein Mensch regt sich darüber auf, dass der Staat den Preis für die Vignette verdoppelt. Daher wird wohl auch kaum jemand etwas dagegen haben, wenn er für die Krankenversicherung ein bisschen mehr ausgeben muss. Nämlich den Gegenwert einer Schachtel Marlboro pro Monat."

Im EU-Vergleich liege Österreich - gemessen am Bruttosozialprodukt -einen halben Prozentpunkt unter den durchschnittlichen Ausgaben der europäischen Länder für das Gesundheitswesen. Ein Prozent beläuft sich auf umgerechnet etwa 28 Milliarden S. Für das heimische Gesundheitswesen würde aber schon ein viertel Prozent mehr genügen, um die Probleme zu lösen, rechnet Dorner vor.

Selbstbehalte hingegen seien ein weiterer Schritt in Richtung Zwei-Klassen-Medizin, "die wir in vielen Bereichen ja ohnehin bereits haben". Ein Nationalratsabgeordneter, der im Spital lande, merke von möglichen Problemen natürlich nichts, weil er privilegiert behandelt werde. Eine Nacht am Gang werde er sicher nie verbringen müssen. Und überhaupt: "Bei uns reden viel zu viele Gesunde über Krankenbehandlung. Dorner vermisst bei diesen Diskussionen das "Solidaritätsprinzip". "Ich verstehe nicht, warum man sich hier aus dem mitteleuropäischen Kulturkreis verabschieden will."

Zigaretten verteuern

Die in letzter Zeit häufig beschworene Eigenverantwortung des Patienten könne nur in bestimmten Bereichen eingefordert werden, meint Dorner: beispielsweise mit einem Fünf-Schilling-Aufschlag auf Zigaretten und harte Alkoholika. Dieser Aufpreis müsste zweckgebunden für Gesundheit ausgegeben werden.

Dass die Österreicher zu viel zum Arzt und ins Spital gehen, wie kürzlich Gesundheitsökonom Christian Köck in einem Standard-Interview scharf kritisiert hat, sieht Dorner milder. Er verteidigt seine Kollegen im medizinischen Betrieb: "Es wird doch kein Patient aus Jux und Tollerei stationär in einem Spital aufgenommen." Und die Arztpraxis? Sie habe sich unter anderem auch als Kommunikationszentrum mit wichtiger sozialer Funktion entwickelt. Empört ist der Standesvertreter darüber, dass die Regierung die Einsatzzeiten der Arbeitsmediziner für Arbeitnehmer reduzieren will.

Generell stört Dorner, dass man im Gesundheitswesen dauernd von "Defizit" spreche. Schließlich handle es sich um "Leistungen für den Menschen". Dafür sei durchaus Geld vorhanden, sagt der Ärztechef und verweist auf Anlagefonds, in denen heuer "allein durch Spekulation" 135 Milliarden Schilling Gewinn erzielt worden seien.

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