DER STANDARD-Kommentar: "Lizenz zum Klonen: Der Druck auf die Entscheidungsträger wird auch in Österreich wachsen (von Gerfried Sperl)- Erscheinungstag 21.12.00

Wien (OTS) - Die Entscheidung des britischen Unterhauses, das
Klonen embryonaler Stammzellen zu gestatten, ist das folgenreichste Ereignis des Jahres 2000. Auch dann, wenn es bei der therapeutischen Funktion des Klonens bleibt, wird eine Grenze durchbrochen:
Menschliches Leben, das zwar noch keine vertraute Gestalt hat, in den Stammzellen jedoch angelegt ist, darf vervielfältigt werden.

So wie der Vatikan jede Form der Abtreibung menschlicher Zellen ablehnt, stößt auch der britische Parlamentsbeschluss auf den Widerstand der katholischen und der meisten anderen Glaubensgemeinschaften. Entstehung und Entwicklung des Lebens sollen der "Natur" folgen können. Der Mensch habe kein Eingriffsrecht.

Nach den Abtreibungsregelungen der 70er- und 80er- Jahre und dem kürzlichen Euthanasie-Beschluss der Holländer wird dieses Prinzip nun zum dritten Mal in diesem Jahrhundert auf demokratischem Wege durchbrochen. Die Erfindung der Pille, dann die Erlaubnis zur Abtreibung bei medizinischer und sozialer Indikation, vor allem aber die Fristenlösung hatten ab den 60er-Jahren für eine Revolutionierung des bisherigen Frauenbildes gesorgt. Jetzt folgt ein noch tieferer Einschnitt in die überkommenen Ethik-Vorstellungen. Der Begriff "Leben" wird einen Wandel erfahren.

Bis vor wenigen Jahrzehnten galt: Jedes Leben hat ein Recht darauf, zur Welt gebracht zu werden. Auch wenn man weiß, dass es zeitlebens medizinischer Hilfe bedarf, um überleben zu können. Derzeit lautet die "liberale" Position: Innerhalb einer bestimmten Frist kann "künftiges Leben" getötet werden, wenn dessen Lebenschancen gering und die Folgen für die Mutter dramatisch sind. Künftig dürfte gelten: Menschliches Leben ist - bei Vorliegen einer medizinischen Indikation - ohne Zeugungsakt reproduzierbar.

In der Sicht der Befürworter erhöhen sich die Lebenschancen vieler Patienten mit Erbkrankheiten oder genetischen Anomalitäten. Nicht nur dies: Wer durch Gen-Screening erfahren sollte, dass er/sie eine genetisch bedingte Neigung zu einem schweren Defekt hat, kann Hoffnung schöpfen. Fazit: Die Genehmigung zum Klonen für therapeutische Zwecke sei ein Akt pro Leben.

Die Gegner wollen nicht nur die Natur des Menschen schützen. Wie allgemein in der Gentechnik-Debatte fürchten sie den Missbrauch. Wo beginnt die "Therapie", wo hört sie auf? Wie verhindern wir, dass das "Geschäft mit dem Klonen" in die Fänge des organisiertenVerbrechens gerät? Eine Problematik, welche die Befürworter genauso kümmern muss. Die Gefahren legen Verbote nahe.

Die alles überwölbende Frage ist: Wird nicht die Erlaubnis des Klonens des Menschen am Ende einer Entwicklung stehen, die mit dem britischen Unterhaus-Beschluss begonnen wird? Denn irgendwann würde es die "Einmaligkeit" des individuellen Menschen nicht mehr geben.

Die Verfechter des britischen Unterhaus-Beschlusses führen sogar ein Argument ins Treffen, das von den Gegnern der aktiven Sterbehilfe gebraucht wird. Je stärker man die Situation Todkranker verbessern könne, desto schwächer würden die Argumente für die Euthanasie. Genau das, die Hilfe für schwer Kranke, sei das Hauptmotiv des Einsatzes geklonter Zellen.

Im Moment ist es sicher sehr schwer, eindeutige Urteile zu fällen. Zwei Punkte aber müssten auseinander gehalten werden. Erstens: Die Forschung mit embryonalen Stammzellen sollte möglich sein. Aber zweitens: Das Klonen selbst, als Teil der medizintechnischen Praxis, sollte nur mit hoch qualifizierten Mehrheiten möglich gemacht werden. Wahrscheinlich sogar wäre das, als Richtungsentscheidung, einer Volksabstimmung zu unterwerfen.

Der Druck auf die Entscheidungsträger wird auch in Österreich wachsen. Denn nichts ist so attraktiv wie die Verlängerung des Lebens. Dafür werfen viele ihre bisherigen Prinzipien über Bord. Auch solche, die man für unveräußerlich gehalten hat.

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