"Die Presse"-Kommentar: "Alle Wege führen nach Rom" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 18.12.2000

WIEN (OTS). Insgeheim wird sich Jörg Haider zweifellos freuen. Nach Monaten der vorsichtigen Beruhigung hat ihn sein Rom-Besuch endlich wieder in die internationalen Spitzennachrichten gebracht. Das tut einem narzißtischen Ego gut - ohne Rücksicht auf sonstige Verluste. Überdies kann er ziemlich sicher sein, daß ihm jeder gegen seine Person gerichtete Exzeß linksextremer Gewalttäter letztlich bei den Wählern nutzt - auch wenn diese Gewalttäter von manchen euphemistisch als "Autonome" verharmlost werden. Und letztlich kann er auch mit dem Hintergrund der gegen ihn gerichteten Proteste punkten: Das beginnt mit dem freizügigen Umgang italienischer Medien mit den Fakten und dem dort üblichen ausländerfeindlichen Ton (man erinnere sich an die bösartigen antideutschen Kommentare in angeblich seriösen Zeitungen beim Gipfel von Nizza). Das endet mit der Ahnungslosigkeit jener Schüler, die da am Samstag mit den Gewalttätern auf die Straße gegangen sind: Von deutschen Radioreportern befragt, wußten sie allesamt nichts zur Person Haider, sie kannten weder Partei noch Funktion, sie "wußten" nur, daß er für Hitler sei.
Die Hoffnung ist gering, daß Haider auch das für ihn Bedenkliche an den Reaktionen erkennt. Dazu gehört vor allem die Sympathieaktion der extremen Rechten, die mit Hitler-Gruß zu seiner Unterstützung aufmarschiert sind. Nicht seine Feinde, sondern seine Freunde sind sein wahres Problem.
Haider hat wohl auch nicht begriffen, wie sehr seine Kommentare zu Italiens Wahlkampf und dessen Akteure Öl ins Feuer schütten und das gute Verhältnis zwischen Italien und Österreich belasten. So wenig, wie zu Recht Österreichs Freiheitlichen die ahnungslosen Reaktionen und Einmischungen aus dem Ausland schätzen, so wenig sollte auch ein österreichischer Politiker mit einer gewichtigen Rolle in einer regierungstragenden Partei dies tun.
So absurd es ist, daß Haider in Rom mehr Proteste hervorruft als alle früheren Papst-Besucher, die sich das Blut von ihren Händen kaum mehr wegwaschen können, so wenig hat Haider wieder einmal beigetragen, um Vorurteile gegen Österreich zum Verschwinden zu bringen.

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