"Die Presse" Kommentar: "Die Welt des George Jr." (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 15.12.2000

Wien (OTS) Als vor einigen Monaten ein Buch mit dem provokanten Titel "Ein
Imperium verfällt" erschien, in dem die Frage aufgeworfen wurde, wann und vor allem wie denn nun das "amerikanische Jahrhundert" enden werde, da schien das alles sehr übertrieben; die These des Autors Chalmers Johnson, die USA könnten mit ihrer militärischen Überheblichkeit und wirtschaftlichen Dominanz ein ähnliches weltpolitisches Schicksal erleiden wie die ehemalige Sowjetunion, wirkte reichlich überzogen. Schließlich ist Amerika die einzig verbliebene Supermacht.
Man konnte sich nicht wirklich vorstellen, daß die USA derart skrupellos, egoistisch und instinktlos vorgehen würden, wie der Autor das beschrieb. Damals, vor einigen Monaten also, konnte man sich allerdings auch nicht vorstellen, daß Bürger einer Nation, die einst einen Mann zum Mond schickte, wochenlang durch Lochkarten starren würden, um vielleicht festzustellen, wer nun der nächste Präsident sein könnte.
Nach den jämmerlichen US-internen Vorgängen seit dem 7. November, nach der Feststellung George Bush Jr. als President-elect seit Mittwoch, scheinen aber jedenfalls zwei Dinge gewiß: Amerika hat in diesen letzten Wochen an Autorität verloren, wobei sich die internationalen Konsequenzen dieser Entwicklung sicher noch nicht prognostizieren lassen. Zweitens aber, und dies bewiesen die ersten internationalen Reaktionen auf Bush Jr., ist die Außenpolitik der USA allein deshalb vorerst berechenbar, weil um den 54jährigen Junior herum personell das Netzwerk des Seniors, Ex-Präsident Georg Bush, aufgezogen wurde. Mit anderen Worten: Die Schlüsselfiguren der zu erwartenden nächsten US-Administration - vom Ex-Verteidigungsminister und baldigen Vizepräsidenten Dick Cheney abwärts - sind international keine Unbekannten. Zudem werden, so ist anzunehmen, die momentanen Witze über außenpolitisches Interesse und internationale Kenntnis des kommenden US-Präsidenten - er sei in seinem Leben erst drei Mal im Ausland gewesen - bald durch ständige Hinweise, auch Jimmy Carter, Ronald Reagan und Bill Clinton hätten keine internationale Erfahrung ins Amt mitgebracht, verstummen.
Die Fragen nach eventuellen Akzentverschiebungen in der US-Außenpolitik einer Bush Jr.-Administration brachten hingegen schon in den letzten Stunden interessante Antworten: Während in Europa vielfach Kontinuität erwartet wird, gibt es doch auch Stimmen, die eine Kalte-Krieg-Einstellung der Republikaner und Bushs befürchten. Sie beziehen sich da vor allem auf die von Bush (im Wahlkampf jedenfalls) angekündigte Stärkung des US-Militärs und auf seinen Gegenspieler, Rußlands Präsidenten Putin. Da und dort wird schon von einer neuen Aufrüstungswelle gewarnt.
Bezüglich der Nahost-Politik zeigten sich Vertreter der Palästinenser auffallend erleichtert - nicht so sehr über Bush als über die Tatsache, daß Al Gore mit seinem Vizepräsidenten Liebermann nicht zum Zug gekommen ist, weil dies für sie offenbar eine Gewichtsverschiebung zugunsten Israels bedeutet hätte. Ob eine Bush-Regierung sich allerdings so aktiv in einen Nahost-Friedensprozeß einschalten kann und wird wie zuletzt die Clinton-Administration, bleibt abzuwarten.
In Fernost scheint man mit dem Ausgang der Wahl zufrieden. In Japan deshalb, weil man die China-Freundlichkeit Clintons und Gores mit Argwohn verfolgte und die kritischen Worte Bushs dazu wohlwollend vermerkte. Im Detail gibt es aber zur Stunde noch zu viele weiße Seiten im außenpolitischen Agenda-Buch des Texaners. Allein, die Auswahl seiner Berater und seines Stabes wird demnächst mehr Aufschluß darüber geben, ob pessimistische Prognosen wie die eingangs erwähnte eine Berechtigung haben.

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