Trendwende am Mineraldüngermarkt

Erdgaspreise seit Sommer 1999 verdoppelt - Heuer mehr Inlandslieferungen

Wien, 13. Dezember 2000 (AIZ). - Der Markt für mineralische Düngemittel hat sich in den letzten Monaten komplett gedreht, teilt der führende österreichische Düngemittelhersteller Agrolinz Melamin mit. Waren die Düngemittelläger bei den Herstellern vor einem Jahr trotz eines historischen Tiefstpreises von unter ATS 1.000,- pro Tonne ab Werk lose zum Bersten voll, so können die heimischen Produzenten heute bei rund doppelt so hohen Kalkammonsalpeter-Preisen nur mehr sehr begrenzt Aufträge annehmen, weil die Läger praktisch "besenrein" leer sind. Wie kam es zu dieser Entwicklung? ****

Stilllegung von Produktionsanlagen

Das beträchtliche Überangebot an Düngemitteln der vergangenen Jahre hat bei den Produzenten starke Verluste verursacht. Die Folge davon:
Schließungsmaßnahmen von unrentabel gewordenen Produktionsanlagen im Ausmaß von ca. 4 Mio. t Ware oder ca. 10 % des Düngemittelbedarfs der EU-15. Die Stilllegungsmaßnahmen waren für die betroffenen westeuropäischen Unternehmen mit sehr hohen Kosten verbunden und nur unter Abbau von ca. 4.000 Arbeitsplätzen möglich.

Restrukturierungsmaßnahmen wurden nur in Westeuropa durchgeführt, während in Osteuropa die Produktionskapazitäten durch staatliche Stützung aufrechterhalten werden. Die Anlagen produzieren jedoch mit hohem Energieaufwand und wesentlich niedrigeren Umweltstandards. Sich auf diese Produzenten bei der Versorgung des Marktes zu verlassen, wäre ein hohes Risiko, da durch mangelnde Instandhaltungsmaßnahmen mit überraschenden Produktionsausfällen gerechnet werden muss.

Massiv gestiegene Produktionskosten

Seit Mitte des Vorjahres steigen die Energiepreise dramatisch an, was durch den hohen Dollarkurs noch deutlich verstärkt wird. Die Düngemittelindustrie muss heute mit mehr als doppelt so hohen Erdgaspreisen leben wie im Sommer 1999. Trotz der laufenden Preiserhöhungen bei Stickstoffdüngern besteht für die Produzenten nach wie vor eine unbefriedigende Erlössituation, da rund 80 % der variablen Kosten bei der Produktion von Stickstoffdüngemitteln auf Energie entfallen. Ähnlich ist die Situation bei NPK-Düngern, da neben der Verteuerung der Stickstoffkomponente auch Rohphosphat infolge des hohen Dollarkurses wesentlich zur Verteuerung der Produktionskosten beiträgt.

Angebot und Nachfrage

Der Düngemittelmarkt ist geprägt von einem zentraleuropäischen Preisniveau, das nur mehr auf Grund unterschiedlicher Transport- und Logistikkosten eine gewisse Regionalisierung erfährt. Gerade das vorige und das heurige Jahr, mit den diametral entgegengesetzten Verhältnissen, zeigen deutlich den Wettbewerb am europäischen Düngemittelmarkt. Nach einer Periode des Überangebots und sehr niedriger Preise wurde für das laufende Wirtschaftsjahr ein ausgeglichenes Angebots- und Nachfrageverhältnis erwartet. Ausgelöst durch die deutlich höheren Preise in den Überseemärkten und vom nachhinkenden europäischen Preisniveau wurden jedoch aus den küstennahen Produktionsstätten unerwartet hohe Düngermengen aus Europa exportiert. Dadurch ist periodisch eine Verknappung des Angebotes entstanden. Diese wurde von den Marktteilnehmern durch den hohen Einlagerungswillen infolge steigender Preise und hoher Lagerverfügbarkeit noch stärker empfunden.

Marktsituation Österreich

Die veränderten europäischen Marktverhältnisse führen dazu, dass die in den vergangenen Jahren üblichen Importe offensichtlich nicht oder nur in geringem Ausmaß nach Österreich kommen. Auch diese Produzenten beliefern bevorzugt den Heimatmarkt und aus Kostengründen frachtnahe und logistisch günstiger gelegene Länder.

Vor diesem Hintergrund sieht sich die inländische Düngemittelindustrie mit einer unerwartet hohen Inlandsnachfrage konfrontiert. Bis jetzt sind wesentlich höhere Düngermengen ins Inland geliefert worden als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dennoch konnten bei weitem nicht alle Wünsche nach frühzeitiger Lieferung erfüllt werden, weil die Industrie nicht in der Lage ist, innerhalb von sechs Monaten nahezu den gesamten Bedarf eines Wirtschaftsjahres zur Verfügung zu stellen.

Es wurden und werden auch weiterhin alle Anstrengungen unternommen, Zusatzmengen für das Inland zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig muss festgestellt werden, dass eine bedarfsdeckende Versorgung über das gesamte Wirtschaftsjahr unter den geänderten Voraussetzungen nur dann möglich ist, wenn die Verteiler den üblichen Ergänzungsbedarf erst während der Anwendungssaison ordern und damit der Industrie Zeit geben, Mengen entsprechend nachzuproduzieren.
(Schluss)

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