DER STANDARD-Kommentar am Mittwoch: "Eine Sternstunde" (von Thomas Mayer) - Erscheinungstag 13.12.00

Wien (OTS) - Bravo, Romano Prodi. Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt in Brüssel hat er eine Rede gehalten, wie man sie von einem Präsidenten der EU-Kommission erwarten können muss. Der Italiener fand in Straßburg harte Worte nicht nur zu den dürftigen Ergebnissen des "Reformgipfels" von Nizza.

Noch stärker - und das war die eigentliche Überraschung - hat er sich aber öffentlich direkt mit den Staats- und Regierungschefs angelegt; hat deren schlaffes Bewusstsein für die gemeinsame europäische Sache gegeißelt. Das war gut so und ein Hoffnungsschimmer für die Zukunft.

Wer sonst, wenn nicht der Chef jener EU-Institution, die sich als "Hüterin der Gemeinschaftsverträge" versteht, soll sich denn sonst lautstark zu Wort melden, wenn der Egoismus der nationalen Regierungen übermächtig zu werden droht und die Union schweren Schaden durch Chaos und Lähmung zu erleiden droht? Diese Gefahr ist gegeben. Denn kaum einer im weiten EU- Räderwerk bezweifelt nach dem Gipfel der Unnachgiebigkeit am vergangenen Wochenende, dass eine rasche Aufnahme vieler neuer Mitglieder die Lage gefährlich verschärfen könnte.

Prodi muss gespürt haben, dass viel auf dem Spiel steht. Nur so ist zu erklären, dass er von einer Gewohnheit Abstand nahm, nur fein austarierte Reden vom Blatt abzulesen und das Publikum zu langweilen. Im EU-Parlament hielt er sich nicht an den vorbereiteten Redetext, sondern setzte zu einem fulminanten Plädoyer für die Integration an.

Er sprach nicht diplomatisch, sondern die Wahrheit aus. Und er löste damit ganz offensichtlich den Abgeordneten, die nach ihm redeten, die Zunge. Eine leidenschaftliche Debatte über Europa, über das, was die Menschen denn wollen, was Europa braucht und was nicht, wo denn der Stellenwert der Union in der Welt liegt, war die Folge. Hier sprachen direkt gewählte Volksverteter.

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