Mortier im Interview: Kritik an Kuratorium, FPÖ, Husslein, Harnoncourt und Berliner Opernsituation

Vorausmeldung zu NEWS Nr. 50, 14. Dezember 2000

Wien (OTS) - Zur Präsentation des Spielplans seiner letzten Saison als Intendant der Salzburger Festspiele übt Gerard Mortier - ab 2003 Leiter einer neuen Bühnen-Triennale im Ruhrgebiet - in einem Gespräch für die am Donnerstag erscheinende NEWS-Ausgabe Kritik an österreichischen Institutionen und Personen.

Mortier klagt über die "strategische und politische Konkurserklärung" des Kuratoriums: "Ich habe mit einem wirklich imponierenden Kuratorium begonnen, und ich verlasse eines, mit dem ich keinen Dialog mehr habe. Deshalb ist es gut, wegzugehen. (...) Die konnten es nicht sein lassen, von mir 90.000 Schilling für Personalkosten der Veranstaltung "Österreich mon amour" (ein regierungskritisches Programm zum Finale der Festspiele 2000, Anm.) zu fordern. Ich hatte ohnehin alles andere über Sponsoren finanziert, aber jetzt zieht man mir das Geld für die Saalwächter von der Abfertigung ab. Wenn man weiß, dass die von Donald Kahn organisierte Veranstaltung, in der mein Programm ohne Schutz meiner Kuratoren beschimpft werden konnte, die gleiche nicht budgetierte Summe eingespielt hat, zeigt das die Kleinkariertheit einiger Kuratoren."

Mortier in NEWS zu den angekündigten radikalen szenischen Deutungen österreichischer Schlüsselwerke ("Figaro", "Fledermaus", "Ariadne"): " Wenn Sie ein Motto wollen, so wäre das: Shake it up! Das Publikum wird noch einmal ordentlich aufgeschüttelt. Ich überprüfe an diesen Werken die Frage "Was ist Tradition?" So, wie sie von bestimmten Wiener Kritikern verstanden wird, ist sie geistige Schlamperei."

Scharf kommentiert Mortier die politische Entwicklung seit Februar: "Alle Befürchtungen sind übertroffen. Die staatliche Administration wird mit FPÖ-Leuten gespickt, und zudem hat sich das österreichische Virus über ganz Europa verbreitet. Die Kommunalwahlen in Flandern zeigen ganz ähnliche Symptome, und der Papst ist dermaßen weltfremd geworden, dass er nicht mehr einsieht, was es politisch bedeutet, Herrn Haider zu empfangen. Dieser Papst muss so rasch wie möglich gehen."

Für den Salzburger FP-Chef Schnell fühle er " die größte Missachtung, Er wurde von Haider wie ein Hund geschlagen und läuft immer noch im Carree. So jemand ist außerhalb meiner Wahrnehmung."

Mortier zu Agnes Hussleins Ernennung zur Salzburger Museumschefin:
" Eine merkwürdige Ernennung auf der Linie der Koalition, Kunst mit Kommerz zu mischen. Ihre FPÖ-Nähe hat sie offenbar für den Job qualifiziert. Was diese Partei anrichtet, wie sie niedrigste Instinkte bespielt, sieht man ja an der Abstimmung über die Linzer Oper. Glauben Sie, die Akropolis wäre gebaut worden, wenn Perikles das Volk befragt hätte?"

Mortier kommentiert auch die Rückkehr des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der Salzburg während der Ära Mortier verlassen hat und unter Peter Ruzicka "Don Giovanni" dirigiert: "Wir haben vier Jahre wunderbar mit ihm gearbeitet. Ich fürchte, er bekommt in Salzburg auch jetzt nicht die Position des Karajan-Nachfolgers. Ich schätze ihn als großen Musiker, dem seine Ambition manchmal eine Falle stellt. Er meinte, bei mir keine musikalische Linie zu entdecken. Aber weshalb soll meine Linie weniger musikalisch sein als künftig mit Sinopoli und Runnicles, der die "Zauberflöte" dirigieren wird?

Mortier abschließend zur Berliner Opernkrise: " Das Klügste hat Holender gesagt: Nur die Fusion zweier Häuser kann eine Lösung bringen. Meiner Meinung nach bieten sich die beiden im früheren Ostberlin an, unter einem gemeinsamen Leiter und mit der Staatskapelle als gemeinsamem, vergrößertem Orchester. Am dilettantischesten hat sich in der Sache der jetzt abgegangene Kunstminister Naumann verhalten; mit einem Almosen statt mit einem Strukturwandel.

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