Theologen und Kommunikationsexperten zu "Medien, Utopien, Religion"

Zweitägiges Symposium des Medienbüros der Österreichischen Bischofskonferenz und des ORF

Wien (OTS) - Die veränderten Lebensbedingungen der Mediengesellschaft und deren Auswirkungen auf Religion und Kirche sowie die Rolle von Religion und Medien bei der Vermittlung von Wert- und Moralvorstellungen standen im Mittelpunkt des zweitägigen internationalen Symposiums "Medien, Utopien, Religion" am 1. und 2. Dezember 2000 im ORF-Zentrum in Wien. Auf Einladung des Medienbüros der Österreichischen Bischofskonferenz und des ORF diskutierten deutsche und österreichische Theologen und Kommunikationsexperten die Wechselbeziehungen und gegenseitigen Einflüsse zwischen Medien und Kirchen. Eröffnet wurde die Veranstaltung von Diözesanbischof Dr. Johann Weber und ORF-Generalintendant Gerhard Weis.

Univ.-Prof. Dr. Jochen Hörisch: Medienreligion und die Zukunft von Religion

Wirtschaftliche und technologische Entwicklungen und in deren Folge die moderne Massenkommunikation haben die Gesellschaft verändert und geprägt, was auch die religiöse Sozialisation in einem Ausmaß beeinflusst hat, das noch nicht voll bewusst geworden sei - so die These des deutschen Germanisten und Medientheoretikers Univ.-Prof. Dr. Jochen Hörisch. Aus Religion, Medien und Wirtschaft entwickelten sich nach Hörisch Abendmahl, elektronische Medien und Geld zu drei koexistierenden Leitmedien unserer Kultur, die auf jeweils unterschiedliche Art "Sein" und "Sinn" des Menschen beeinflussen und definieren.

PD Dr. Joan Kristin Bleicher: Die "Frohe" Botschaft des Fernsehens

PD Dr. Joan Kristin Bleicher, Germanistin und Kommunikationswissenschafterin aus Hamburg, vertritt die These, dass das Fernsehen vermehrt traditionelle religiöse Funktionen übernimmt, indem es sinn- und identitätsstiftend wirkt. Die tägliche Wiederkehr gleichbleibender Sendungsangebote ermöglicht beispielsweise kontinuierliche Erlebnis- und damit eng verknüpft Sinnstiftungsangebote, so Bleicher. Das Fernsehen und seine unterschiedlichen Programmangebote werde insgesamt verstärkt als Ratgeber und Orientierungshilfe genutzt und vermittle soziale Wertvorstellungen. Bleicher wies auch darauf hin, dass gerade das Fernsehen viele religiöse Inhalte verarbeitet und so einem breiten Publikum vermittelt, von der Verfilmung biblischer Stoffe bis zu jenen erfolgreichen Fernsehserien wie "Oh Gott Herr Pfarrer" oder "Mit Leib und Seele", die den Kirchenalltag zum Thema haben.

Univ.-Prof. Dr. Arno Schilson: Medienreligion als Herausforderung für die Kirchen

Auch der Mainzer Theologe Univ.-Prof. Dr. Arno Schilson sprach über sinn- und identitätsstiftende Inhalte in den Programmangeboten des Fernsehens, die unterschwellig-verborgen, bei genauerer Betrachtung jedoch durchaus leicht als "zweite Dimension" des Fernsehens erkennbar seien. Die Kirche sollte sich der Herausforderung durch diese "Medienreligion" stellen, sich die Bedürfnisse der Menschen, die sich in den Fernsehprogrammen widerspiegeln, bewusst machen und ihre Botschaft an die Gläubigen entsprechend vermitteln, forderte Schilson. "Den Raum zu schaffen, in dem ein Mensch sich für den anderen öffnet und dieser Gehör findet, wie es die Talk-Shows nur ungenügend leisten können, müsste ungleich stärker als spezifische Aufgabe der Kirchen und damit konkreter christlicher Gemeinden sein", nannte er als eines von mehreren Beispielen.

Univ.-Prof. Dr. Jozef Niewiadomski: Erlösung im Cyberspace?

Die Computertechnologie hat scheinbar eine neuartige weltweite Kommunikationsgemeinschaft entstehen lassen, die Kulturen, Religionen und Individuen über alle Grenzen hinweg verbinden und die Verwirklichung individueller Freiheitsträume ermöglichen soll. Schließlich scheint sogar die "Erlösung" im und durch den Cyberspace möglich. Der Innsbrucker Theologe Univ.-Prof. Dr. Jozef Niewiadomski hinterfragt diese Erlösungsutopien und bezeichnet die Kirche als jene Institution, die von zerstörerischen Heilsutopien befreien und den Cyberspace als leeren Kommunikationsraum wahrnehmbar machen kann, in dem sich Ängste und Hoffnungen, Taten und Untaten der Menschen spiegeln. Den traditionellen Kirchen und Religionsgemeinschaften gehe es um eine wirkliche, nicht virtuelle Gemeinde.

Franz Manola: Renaissance der Schrift im Internet?

Der Leiter von ORF ON, Franz Manola, beschäftigte sich ebenfalls mit der gesellschaftlichen Wirkung des Internets und den Erwartungshaltungen an dieses Medium. Internet sei ökonomisch und technologisch begründet ein tendenziell textbasiertes Medium, das zu einer Realphabetisierung und Reliterarisierung der Kommunikationsgesellschaft beitrage. Dies zeige zum Beispiel die hohe Nutzung von Chatrooms und Mails. Die an das Internet geknüpften "Heilserwartungen" sind laut Manola überzogen, dieses Medium sei aber trotzdem zu etwas Lebensverändernden geworden. Kirchen könnten das Internet und vor allem seine Möglichkeiten zu direkter Kommunikation mit jedem einzelnen Gläubigen stärker nutzen.

ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Palaver: Medien-Öffentlichkeit - das Ende der Politik?

Der Innsbrucker Theologe ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Palaver sprach von der Ablösung des Wortes durch das Bild in der Politik. Politik habe ihre ideologische Ausrichtung aufgegeben und beschränke sich darauf, zu funktionieren und zu verwalten. Auf dem Hintergrund eines "pantheistisch" geprägten Weltbilds bestehe die Aufgabe der Kirche wie der Zivilgesellschaft im allgemeinen darin, beizutragen, Netze der Solidarität zu knüpfen, "die verhindern sollen, dass die Menschen der Macht des Marktes, des Staates oder auch der Medien ausgeliefert werden". Die Kirche müsse erkennen, dass es nicht darum geht, ein vermeintlich "gutes Produkt" möglichst effizient zu verkaufen. Vielmehr müsse sie versuchen, das "gute Produkt" -solidarische Lebenswelten und -räume - immer wieder neu in jeweils gewandelten kulturellen Kontexten erst herzustellen.

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Larcher: Ästhetisches Bewusstsein im Horizont der (Neuen) Medien

Neue Herausforderungen des alten Verhältnisses von Kunst und Religion standen im Mittelpunkt des Vortrages des Grazer Theologen Univ.-Prof. Dr. Gerhard Larcher. Unsere Mediengesellschaft scheint von einer globalen ästhetischen Unterströmung als neuer Art von Zivilreligion bestimmt. "Ein globales ästhetisches Problem ergibt sich insofern, als im Zeitalter der beschleunigten (Re)produktion kommerzieller Film, Fernsehen, Video, Computer zusammen eine gesellschaftlich umfassende Bildfixation schaffen", meinte Larcher. Die heutige Mediengesellschaft "brauche als Gegenhalt einerseits den kritischen Stachel der Kunst, andererseits - im Verbund mit dieser -auch die Theologie, um die globale technologisch-ästhetische Unterströmung der Weltzivilisation aufzubrechen auf eine hilfreiche Beziehungsoffenheit von Kunst, Ethik, Lebenswelt und Religion hin".

Die Sendung "Orientierung" am Sonntag, dem 10. Dezember 2000, um 12.30 Uhr in ORF 2 berichtet über die Veranstaltung. ALPHA Österreich, das ORF-Fenster im Programm von BR-alpha, dem Bildungsspartenkanal des Bayerischen Rundfunks, bringt am Freitag, dem 12. Jänner 2001, ab 22.00 Uhr eine Zusammenfassung des Symposiums.

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