DER STANDARD-Kommentar: "Denkmuster und Denkzettel" - Der Bundeskanzler will eine Abrechnung im Burgenland, vielleicht kriegt er sie (von Wolfgang Weisgram)

Wien (OTS) - Manches Mal gehen sogar mit dem Bundeskanzler die Wortbilder durch. Am Donnerstagabend lief er in Eisenstadt zu alter rhetorischer Brillanz auf, die Stimmung der darüber begeisterten ÖVP-Funktionäre trug ihn bis zur euphorisch verkündeten Einsicht, jede Wahl sei eine Art Denkzettelwahl, darauf hoffe er nun auch im Burgenland. Denn was wäre das für ein Signal, würde ein Fall wie die Bank Burgenland, vom Wähler nicht geahndet werden? Ein fatales: "Es ist wurscht, was wir tun, der Wähler merkt es nicht."

Der Dritte im Bunde - um den Denkzettel des Oktober '99 einmal poetisch zu umschreiben - hat damit ganz Recht, im Prinzip. Aber jede Wahrheit wird erst dann zu einer sinnvollen Erkenntnis, wenn sie zuallererst einmal für sich selber Geltung erlangt. Sie betbruderhaft den anderen vorzuhalten, ist bloßes Wortgeklimper. Eher ein öffentliches Ärgernis denn der nachvollziehbare Versuch, das Licht der Rechtschaffenheit ins Dunkel des Parteienproporzes zu bringen.

Ob Wolfgang Schüssels vollmundige Ansage beim Wahlkampffinale in Eisenstadt dem Gerhard Jellasitz genützt hat, ist schwer zu sagen. Sicher ist nur, dass die wahltaktische Simplifizierung des furchterregenden burgenländischen Bankwesens - hie schlimmer Karl Stix, da nichtswissender Gerhard Jellasitz - ein zu grober Kamm ist, um die nach oben hin immer noch offene Negativbilanz zu frisieren.

Freilich, Karl Stix, der scheidende Landeshauptmann, dessen Beliebtheit die Bankenaffäre überhaupt nicht beeinträchtigte, benützte auch eher die gespreizten Finger, das finanzielle Desaster zu frisieren. Jetzt erst, da er sich tagtäglich von irgendetwas und irgendjemandem endgültig verabschieden muss, spricht er von seiner Nachdenklichkeit, den Wunden, die ihm dieser Bankenskandal geschlagen hat, der ja immer noch das Potenzial in sich trägt, seine erfolgreiche Ära in einer veritablen Katastrophe enden zu lassen. Sein Vergleich mit dem Vietnamkrieg erscheint überzogen. Aber er lässt tief blicken in den Gefühlshaushalt des Karl Stix.

Franz Vranitzky, so erzählte er es unlängst dem Standard, habe ihm einst das Buch des Kennedy-Beraters Robert McNamara geschenkt, das sich mit der Frage beschäftigt, wie es gerade dem Beraterstab des so human gesinnten Präsidenten passieren konnte, die USA in eines der größten und unmenschlichsten Debakel zu führen. Das lese er nun immer wieder. Nicht dass er die Dimenson von Vietnam mit der Bank Burgenland vergleichen möchte. Doch aber die Struktur politischer Fehlentwicklungen. "Mich", sagt er, "beschäftigt immer wieder die Frage: Was müssen wir tun, damit wir so etwas verhindern können?" Er weiß keine Antwort darauf. Aber es kann ganz gut sein, dass es bereits genügt, die Frage auf eine ehrliche Weise zu stellen. Und dass es zielführend wäre, würden aktive - und nicht pensionsnahe -Politiker sie sich stellen.

Der Fall Bank Burgenland eignet sich nur wenig für eine grobrastrige Wahlauseinandersetzung. Wer gut zugehört hat, dem erzählt dieser Fall von der Notwendigkeit politischer Zurückhaltung und Nachdenklichkeit. Davon, dass sich auch regierende Parteien von historisch erläuterbaren und damit durchaus verständlichen Einflusssphären zurückziehen müssen. Weil ansonsten nicht nur das Wohl der Partei, sondern das des Landes auf dem Spiel steht. Das sei nicht nur ins Stammbuch der SPÖ geschrieben, wo es dick angestrichen werden sollte. Sondern auch in das der Kanzlerpartei, die seit dem Februar an einer mittlerweile schon sprichwörtlichen Selbst-Vergesslichkeit leidet, die dem Gerhard Jellasitz nun als wahltaktisches Vorbild dient.

Eine langjährige Regierungspartei, die selbst in Zeiten der Alleinregierung der anderen ihre sozialpartnerschaftlich wohlerworbene Reichshälfte hatte und nun einen "Neubeginn" fordert, füllt das Kanzlerwort mit dem Leben der Hoffnung: "Es ist wurscht, was wir tun, der Wähler merkt es nicht."

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