"Die Presse" Kommentar: "Haß liegt über dem Land" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 2.12.2000

Wien (OTS) Eigentlich hätte das Land ganz andere Themen. Etwa die Frage, ob es
beim bevorstehenden EU-Gipfel wirklich zu der angestrebten Demontage der kleinen Länder kommt. Oder die unerquickliche Entwicklung, daß es am Ende des ersten Jahres der neuen Regierung zwar jede Menge Belastungen, aber noch recht wenig konkrete und fixierte Verwaltungsreformen gibt, daß die meisten Vorschläge dazu vorerst steckengeblieben sind.
Dennoch beschäftigt, besorgt die Menschen etwas ganz anderes viel mehr: der Haß, der über dem Land liegt. Haß, der einst von Jörg Haider verbal zum politischen Agitationsinstrument gemacht worden ist, um eine kleine Oppositionspartei in die Höhe zu reißen. Haß, der nun von der politischen Linken in Taten umgesetzt wird, weil sie den Abschied von der Macht nicht hinnehmen will, weil sie von der insgeheimen Gleichung Hitler=Haider ausgehend heute den Kampf führt, den sie 1938 nicht geführt hat (oder zumindest weniger als die christlich-konservative Rechte).
Allein die Aktionen, die für nächsten Dienstag geplant sind, zeigen, daß aus bestimmten Ecken versucht wird, aus der legitimen Anwendung des Demonstrationsrechts ein Kampfinstrument zu machen, von dem manche sogar fürchten, daß das Land an den Rand bürgerkriegsähnlicher Zustände getrieben werden könnte. Wenn das Parlament durch Menschenketten blockiert werden soll, wenn das Land durch Besetzung der wichtigsten strategischen Kreuzungen lahmgelegt werden soll, dann vervielfacht das nicht nur die Wirkung von zahlenmäßig eigentlich unbedeutenden Demonstrationen. Dann ist das der glatte Versuch einer kollektiven Erpressung.
Noch schlimmer ist, wenn Gewerkschaftsaktivisten vor den Wohnhäusern von Regierungspolitikern agitatorische Plakate mit Namen und Telephonnummern aufstellen. Hat niemand mehr ein Gespür, daß solche Denunziationsmethoden vor Wohnungen und Geschäften eigentlich mit dem Terror totalitärer Systeme begraben sein müßten? Wer denkt sich noch etwas dabei, wenn an Wiener Schulen von den Eltern Kopien der Protestbriefe gegen die Sparmaßnahmen verlangt werden? Big brother hat noch andere Bedeutungen als die eines Fernsehformats aus der tiefsten Lade.
In die gleiche Kategorie gehören die Gerüchte über das Privatleben Wolfgang Schüssels und Jörg Haiders, die immer zu Zeiten heikler Entscheidungen in Umlauf kommen. Gleichgültig, ob diese nun wahr oder falsch sind, fällt doch auf, daß von den Herren Gusenbauer oder Van der Bellen (zu Recht) nicht einmal bekannt ist, ob sie überhaupt ein Privatleben haben. Nicht zu vergessen die grauslichen pornographischen Photomontagen mit Jörg Haider, die in Redaktionen gelandet sind.
Dazu kommen die bestürzenden Tatsachen gefälschter Briefe; der auffällige Tempo-Unterschied bei Hausdurchsuchungen je nach politischer Farbe des Verdächtigen; die Rolle der Fellner-Magazine; das Desinteresse der Exekutive an den ungeklärten Fragen rund um den Kronzeugen Kleindienst; die Geheimtreffen SP-naher Sektionschefs quer über die Ministerien.
All das heißt nun keineswegs, daß der Spitzelei-Verdacht schon in sich zusammengebrochen wäre. Das rechtfertigt keineswegs die wilden Schimpforgien der Freiheitlichen (die jeden Richter nur skeptisch stimmen müssen). Das erinnert aber auch an den deutschen Fall Joseph, wo sich ganz Europa explosionsartig über einen gräßlichen Fememord erregt hat und nun betreten herumstottert, seit viele Indizien gegen den grauenvollen Vorwurf sprechen.
Die Verrücktheit europäischer Rinder scheint sich rascher und anders als erwartet auf die Menschen zu übertragen. Kollektiver Haß ist eine der schlimmsten Verrücktheiten.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR