Jahre des Aufbruchs

Wien (OTS) - In einer in Vorbereitung befindlichen Publikation
über die Jahre 1990 bis 2000 des Kunsthistorischen Museums wird dieser Abschnitt als "Jahre des Aufbruchs" bezeichnet. Wie kaum ein anderer Abschnitt der 110-jährigen Geschichte des Hauses waren diese 10 Jahre von tiefgreifenden Veränderungen im Selbstverständnis der Struktur, der baulichen Sanierung und schließlich auch der Gesellschaftsform des Kunsthistorischen Museums gekennzeichnet. Das Kunsthistorische Museum gehört zu den großen Museen der Welt. Mit der zum 1.1.2001 inkrafttretenden Erweiterung der wissenschaftlichen Anstalt Kunsthistorisches Museum mit Völkerkundemuseum und Österreichischem Theatermuseum bildet es einen Komplex übernationaler und nationaler Sammlungen, der ja in dieser Form wohl nur mit den Sammlungen des Metropolitan Museums New York oder der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin verglichen werden kann.

Die mit dem Jahre 1990 und meiner Amtsübernahme verbundene Einführung eines Generaldirektors als oberstes Organ, dem erstmals in der Geschichte des Hauses keine eigene Sammlung unterstellt war, sollte zu einer größeren Beweglichkeit, stärkeren strategischen Planung und schließlich auch Effektivität im inneren und öffentlichen Erscheinungsbild des Kunsthistorischen Museums führen. Mit dem damals inkraft getretenen Museumsstatut war eine neue Organisationsstruktur verbunden, die alsbald auch als Vorbild der Museumsordnung des Naturhistorischen Museums dienen sollte. Die gleichzeitig mit Inkrafttreten dieser Museumsordnung neu geschaffenen Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit, Ausstellungswesen sowie Publikationswesen, aber auch die Verselbständigung und das als Abteilung mit den Sammlungen gleichgestellte Museumsarchiv, dem in der Folge noch eine besonders wichtige Rolle zufallen sollte, und auch die Neustrukturierung von Bibliothek und Reproabteilung gaben die Voraussetzungen u.a. auch für die Umsetzung der bereits 1989 gesetzlich geregelten und 1991 novellierten Teilrechtsfähigkeit.

Die mit den Erträgen der Teilrechtsfähigkeit durchgeführten Sonderausstellungen die Etablierung zahlreicher Museumsshops und die letztlich ausschließlich aus Mitteln der Teilrechtsfähigkeit ermöglichte Anmietung des Palais Harrachs erweiterte den Bewegungsraum und die Ausstellungsmöglichkeiten des Kunsthistorischen Museums, das seit 1991 bis zum Jahre 1999 jährlich auch Großausstellungen im Wiener Künstlerhaus durchführte. Mit den Großausstellungen im Wiener Künstlerhaus wurde auf eine bis auf die 60-er Jahre zurück reichende Tradition großer kulturgeschichtlicher Ausstellungen zurückgegriffen, die heute noch zu den großen Leistungen des österreichischen Ausstellungswesens gezählt werden dürfen: Gott Mensch Pharao, Die Welt der Maya, Ägyptomanie, Buddha in Indien, Das Land der Bibel, Der Jemen und Die Schätze der Kalifen, um nur die wichtigsten davon zu nennen, zogen internationale Aufmerksamkeit auf sich und waren Anziehungspunkte für ganz Österreich.

Mit rund 100 Ausstellungen im gesamten Ausstellungsbereich des Kunsthistorischen Museums, als auch des Palais Harrach, der Neuen Burg und in Schloß Ambras, konnte das Kunsthistorische Museum nicht nur einen vitalen Beitrag zum Kunst- und Kulturgeschehen in Österreich in den letzten 10 Jahren leisten, sondern durch die Bemühungen, vor allem auch eigene Sammlungsbestände in den Mittelpunkt dieser Ausstellungen zu stellen, auch auf die besondere Bedeutung unseres Hauses hinweisen: Des Kaisers teure Kleider, Barbarenschmuck und Römergold, Das Geld der Römer und vor allem Exotica sind nur einige Beispiele, die in den nächsten Jahren durch weitere Ausstellungen aus unseren Sammlungsbeständen ergänzt werden sollen. Trotz der umfangreichen Ausstellungstätigkeit, die oftmals die zuständigen Abteilungen des Hauses bis an die Grenzen der Belastbarkeit führten und führen, blieben die Hauptaufgaben unseres Museums: Bewahren, Sammeln und Forschen stets im Blickpunkt unserer Museumspolitik.

Die Schaffung großzügiger Außendepots, die für große Sammlungsteile nach Jahrzehnten der sicherheitstechnisch und klimatisch unzulänglichen Unterbringung eine nach modernen Gesichtspunkten gestaltete Lagerung ermöglichen und vor allem in Verbindung mit neu geschaffenen Restaurierungsmöglichkeiten und einer Begasungsanlage auch internationalen Ansprüchen genügen, war auch die Grundlage für die Erweiterung für zusätzliche Nutzungen im Haupthause selbst gelegt. Die Einrichtung modernster naturwissenschaftlicher Labors und Restaurierungswerkstätten, aber auch die Neugestaltung der zahlreichen Verwaltungskanzleien und Direktionen der einzelnen Sammlungen gaben die Voraussetzung für ein effektives und von der Atmosphäre der Räumlichkeiten unterstütztes gemeinsames Arbeiten. Depots und Restaurierungswerkstätten des Kunsthistorischen Museums können sich heute mit jedem international bedeutsamen Museum der Welt vergleichen lassen.

Die über 60 Publikationen, die während der letzten 10 Jahre vom Kunsthistorischen Museum herausgegeben wurden und sowohl wissenschaftliche Einzelabhandlungen in der von mir neu begründeten Reihe "Schriften des Kunsthistorischen Museums" umfassen, wie Ausstellungskataloge, die zum Teil als Handbücher für die in diesen Ausstellungen präsentierten Themenschwerpunkte gelten können, aber auch die neu begonnene Reihe von Sammlungskatalogen zeigen, daß die wissenschaftliche Aufarbeitung des anvertrauten Kulturgutes und der gestalteten Ausstellungen einen besonderen Stellenwert in der museologischen Arbeit des Kunsthistorischen Museums eingenommen haben und weiterhin einnehmen. Zahlreiche mit internationalen Institutionen zusammen durchgeführte Forschungsarbeiten, zahlreiche Symposien und Tagungen zu kunsthistorisch relevanten Themenbereichen haben die Kontakte zur wissenschaftlichen Umwelt besonders geprägt und gefördert. Dementsprechend ist auch in der am 1.1.1999 inkraft getretenen neuen Museumsordnung dem Forschungsbereich ein besonderer Stellenwert eingeräumt worden, wie er auch in den Zielsetzungen, die für das Kunsthistorische Museum ausformuliert wurden, zum Ausdruck kommt.

Mit der hier angesprochenen Museumsordnung wird der zweite große Entwicklungsschritt in der institutionellen Verankerung des Kunsthistorischen Museums angesprochen, das seit 1.1.1999 auf Grund des am 14.8.1998 erlassenen Bundesgesetzes als eigenständige wissenschaftliche Anstalt öffentlichen Rechtes fungiert. Mit der dadurch erreichten Vollrechtsfähigkeit ist dem Kunsthistorischen Museum ein privatwirtschaftlich geführter Spielraum und damit jene Bewegungsmöglichkeit eingeräumt, die jenseits von kammeralistischen und bürokratischen Hemmnissen, wie sie der bis dato nachgeordneten Dienststelle des Bundes oftmals entgegenstanden, eine auf Effektivität, Leistung und Effizienz ausgerichtete Arbeitsweise ermöglicht. Die in dem erwähnten Bundesmuseumsgesetz erstmals unter meiner Mitwirkung ausformulierten Zielsetzungen der Museen insgesamt sind für das Selbstverständnis des österreichischen Museumswesens ebenso bedeutsam, wie die auf Grundlage desselben Gesetzes für die ausgegliederten Museen gegebene autonome Selbstgestaltung der Zielsetzungen. Die auf Basis der Vollrechtsfähigkeit gestiegene Geschäftstätigkeit im Bereich unseres Profit Centers, das einen entscheidenden Beitrag zur Einnahmensicherung des für den Betrieb der wissenschaftlichen Anstalt notwendigen Budgets leistet, führte zur weiteren Entwicklung und den Ausbau unserer Museumsshops in den verschiedenen Außenstellen des Kunsthistorischen Museums, aber auch bei diversen Sonderausstellungen und Landesausstellungen außerhalb Wiens. In diesem Zusammenhang muß auch der seit Sommer dieses Jahres bestehende Informationsshop in der Wiener Innenstadt erwähnt werden, der erste Museumsshop dieser Art in Österreich.

Zu den besonders erfreulichen und berichtwürdigen Bereichen der letzten 10 Jahre zählt auch die umfangreiche Palette bedeutsamer Erwerbungen kunsthistorischer Sammlungsobjekte, die in unserem Sammlungsbestand nicht nur so manche Lücke schließen halfen, sondern zum Teil auch bestehende Sammlungsschwerpunkte weiter ausbauen konnten. Dazu zählt vor allem die für die weltliche Schatzkammer erworbene Collane eines Ritters vom Orden des Goldenen Vlieses.

Genauso bedeutsam wie die Neuerwerbungen war für den Sammlungsbestand des KHM auch die - auf Grund des Bundesrückgabegesetzes - an die Erben zurückgegebenen Kunstwerke, wie vor allem Gemälde und Kunstgegenstände aus dem Sammlungsbestand der Familie Rothschild. Mit dieser Rückgabe, die auf Grund der wissenschaftlichen Vorarbeiten des Archivars des KHM verhältnismäßig rasch abgewickelt werden konnte, sollte das KHM seine Bringschuld gegenüber der Vergangenheit als erstes Museum in Österreich zu einem befriedigenden Abschluß bringen.

Für die zukünftigen Planungen des KHM sind zwei Schwerpunkte zu setzen. Zum einen die Neuaufstellung der Ägyptisch-Orientalischen Sammlung sowie der Antikensammlung in den bis Ende dieses Jahres nun endlich vollelektrifizierten Räumlichkeiten des Hochparterres, zum anderen die Sanierung des 2. Stockwerks für die Neugestaltung der Sekundärgalerie sowie zur Gewinnung zusätzlicher Räumlichkeiten für die Museumsfreunde, eine kleine Kantine für Bedienstete und zusätzliche Verwaltungsräume. Auch die Neuaufstellung der Wagenburg in Schönbrunn, der Kunstkammer im Hochparterre des Haupthauses sowie des Ephesosmuseums in der Neuen Burg sind Programmpunkte der nächsten Jahre. Zu den großen Projekten zählt die unterirdische Erweiterung des KHM unter dem Maria-Theresien-Platz, die durch die von der Stadt Wien ausgehende Neuplanung einer Busgarage auf dem Maria-Theresien-Platz neuen Aufschwung und vielleicht auch neue Chancen erhalten hat. Darüber wird aber in geeigneter Form in nächster Zukunft eigens berichtet werden.

HR Dr. Wilfried Seipel

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