"Kleine Zeitung" Kommentar: "Des Wahnsinns fette Beute" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 26.11.2000

Graz (OTS) - Bisher verdrängte man die Wirklichkeit, indem man
sich einredete, es handle sich nur um eine englische Krankheit. Jetzt aber haben wir die traurige Gewissheit, dass daraus eine europäische Seuche geworden ist. Der Rinderwahnsinn ist von der britischen Insel auf den Kontinent übergesprungen und hat Frankreich,
Spanien und Deutschland erreicht. Die Bedrohung rückt immer näher. Das Gütesiegel, dieses oder jenes Land sei "BSE-frei", trägt bereits das Ablaufdatum.

Die Angst vor dem Wahnsinn geht um. Noch wissen wir nicht, wie und wann die Seuche unter Kontrolle gebracht werden kann, doch ist nicht mehr zu leugnen, dass die Nachlässigkeit der Politiker und der Behörden die Ausbreitung ermöglicht hat.

Vor fünfzehn Jahren starb in Südengland die erste Kuh an Rinderwahnsinn. Den Wissenschaftlern war bald klar, dass die Infektion durch die Kadaver kranker Schafe erfolgte, die zu Tiermehl verarbeitet und verfüttert wurden. Ihr Aufruf, die Rindermast mit Tiermehl sofort einzustellen, verhallte ungehört. Das eiweißreiche Kraftfutter war billig, der Konkurrenzdruck und die Profitgier
waren übermächtig.

Die Seuche, die damals vielleicht noch einzudämmen war, breitete sich aus. Erst als vor fünf Jahren der Befund nicht länger zu verheimlichen war, dass der BSE-Erreger auch Menschen befällt und qualvoll dahinrafft, schrillten die Alarmanlagen. Trotzdem dauerte es noch lange, ehe sich die Landwirtschafts- und Gesundheitspolitiker zu Maßnahmen aufraffen konnten. Großbritannien leistete nicht nur hinhaltenden, sondern offenen Widerstand gegen die Anordnungen aus Brüssel, ein Exportverbot für Rindfleisch zu verhängen und die erkrankten Herden zu schlachten. Ein Untersuchungsbericht des Europäischen Parlaments enthüllte nachträglich, wie das Ausmaß der Seuche vertuscht und ihre Bekämpfung behindert wurde, wobei auch die EU-Kommission eine unrühmliche Rolle spielte.

Zwar wurden Maßnahmen gesetzt, doch sie verfehlten ihre Wirkung. Was hilft das Verbot, Tiermehl an Wiederkäuer zu verfüttern, wenn diese Verfügung nicht überwacht wird? Solange Tiermehl zur Schweine- und Hühnermast verwendet werden darf, ist es blauäugig, anzunehmen, dass davon nichts in den Rinderstall gelangt. Und was besagt die Etikettierung, wenn der Verbraucher zwar erfährt, wo das Rind gezüchtet und geschlachtet wurde, aber er keine verbindliche Aufklärung erhält, womit das Tier gefüttert wurde?

Vertrauen wurde verspielt, das nicht von heute auf morgen und auch nicht mit viel Geld wieder aufgebaut werden kann. BSE kennt keine Grenzen, sagt der für den Konsumentenschutz zuständige EU-Kommissar. Aber gerade dafür, dass die Grenzen in Europa überwunden werden, wurde die Gemeinschaft gegründet. Dass es der EU, die fast die Hälfte ihres Budgets für die Landwirtschaft ausgibt, nicht gelungen ist, die BSE-Seuche zu stoppen, unterminiert ihre ohnehin labile Autorität. Was nützen die schönsten Manifeste zu Grundrechten, wenn der teuflische Rinderwahnsinn grassiert? ****

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