"KURIER" Kommentar: Trügerische Ruhe in der katholischen Kirche (von Norbert Stanzel)

Ausgabe vom 25.11.2000

Wien (OTS) - Auch die katholische Kirche in Österreich profitierte davon, dass die politischen Ereignisse alles andere in den Schatten stellten. Sie ist seit eineinhalb Jahren aus den Negativ-Schlagzeilen verschwunden. Ein trügerischer Friede, wie die Vorfälle in Salzburg zeigen. Erzbischof Eder verweigerte einen ökumenischen Trauergottesdienst für die Opfer von Kaprun; zuvor hatte er einen Pfarrer nach einer Eucharistiefeier mit Methodisten suspendiert. Und wie auch bei den in den letzten 15 Jahren aufgetretenen Mega-Problemen - umstrittene Bischöfe, Umgang mit der Sexualität bzw. Homosexualität, Mitsprache der Laien, Stellenwert der Frauen usw. -ist auch hier, bei der Ökumene, Österreich bloß ein ins Tragikomische verzerrtes Spiegelbild der römisch- katholischen Weltkirche. Zur Suspendierung: Vom Kirchenrecht und von den Glaubensinhalten her hat der Priester falsch gehandelt - aber er wurde, obwohl er sich einsichtig zeigte und eine Wiederholung ausschloss, dennoch vom Erzbischof suspendiert. Eder ging es also um ein demonstratives Zeichen, nicht um die Sache. Das bestätigte sich auch beim Trauergottesdienst für die Opfer von Kaprun: Eine derartige Tragödie zum Anlass für Hahnenkämpfe unter christlichen Kirchen zu machen, zeigt, wie weit sich manche katholischen Würdenträger von den seelischen Bedürfnissen der Gläubigen entfernt haben. Aber die Frage, wie es mit der Ökumene, also der Wiedererringung der Einheit der christlichen Kirchen, weiter geht, ist nicht nur hier zu Lande ein sensibles Thema. Einerseits setzt der Papst immer wieder Versöhnungssignale: Etwa den großen ökumenischen Gottesdienst in Sankt Paul im Jänner. Dass Johannes Paul II. gemeinsam mit dem orthodoxen Metropoliten Athanasios und dem anglikanischen Erzbischof Carey die vierte Heilige Pforte öffnete, wurde von vielen konservativen Katholiken als "übertrieben" empfunden. Andererseits sind diese Konservativen bemüht, allzu rasche Fortschritte zu verhindern: In diese Richtung wurde die Erklärung "Dominus Jesus" der römischen Glaubenskongregation empfunden. Wobei es eher um den Tonfall bzw. den Zeitpunkt der Veröffentlichung ging: Warum betonte Glaubenspräfekt Kardinal Ratzinger gerade nach diesen Initiativen des Papstes, die römisch- katholische sei "die einzige Kirche Christi"? Dass der Papst öffentlich und kritisch zu diesem Text Stellung bezog zeigt, dass die Ökumene auch im Vatikan heiß umstritten ist. Das ist, wie bei fast allen Problemen der heimischen Katholiken, entscheidend:
Rom gibt die Richtung vor. Nur ist gegen Ende dieses Pontifikats kaum mit neuen, klaren Impulsen zu rechnen. Es heißt also Warten auf den nächsten Papst - mit aller Ungewissheit, welche Linie der neue Bischof von Rom einschlägt. Dann werden wohl auch in Österreich viele vermeintlich beruhigte Probleme wieder aufbrechen.

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