Tunnelsicherheit - Lainzer Tunnel

Die Fachleute sind maßgeblich!

Wien (OTS) - Zu der am 22. November 2000 im Wiener Gemeinderat stattgefundenen Diskussion betreffend die Sicherheit des Lainzer Tunnels gemäß dem derzeit vorliegenden Projekt wird wie folgt Stellung genommen:

Es dürfte allgemein anerkannt werden, daß der Sicherheit von Tunnelbauwerken ein besonderer Stellenwert zukommt. Ebenso dürfte es unbestritten sein, daß die Entscheidung darüber, ob neue Tunnel einröhrig oder zweiröhrig sein sollten, erst nach der Beurteilung durch Fachleute von den Politikern getroffen werden sollte.

Die HL-AG ist seit etwa fünf Jahren mehrfach aufgefordert worden, das die Sicherheit des Lainzer Tunnels betreffende Konzept der Fa. Basler & Partner der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dieser Forderung ist jedoch mit der Begründung, daß Anpassungen an die jeweiligen Gegebenheiten erfolgen müßten, niemals entsprochen worden.

Anläßlich der vom 31. August 1998 bis 3. September 1998 stattgefundenen Bauverhandlung zu einem Abschnitt des Lainzer Tunnels wurde die HL-AG vom Verhandlungsleiter unter der Androhung, daß andernfalls die Verhandlung abgebrochen werden würde, gezwungen, dieses Sicherheitskonzept herauszugeben. Allerdings erfolgte die Übergabe eines Exemplars mit dem Hinweis, daß es nicht aktuell sei, wobei sämtliche Seiten mit dem Aufdruck ÜBERHOLT versehen waren. Welches Sicherheitskonzept dem Lainzer Tunnel zugrundeliegt, konnte niemals in Erfahrung gebracht werden.

In Seite x des als ÜBERHOLT gekennzeichneten Sicherheitskonzeptes war die Feststellung enthalten, daß 'bei sehr langen Tunneln aus Sicherheitsgründen zwei Röhren notwendig seien'. Das Bauwerk des Lainzer Tunnels und des in diesen übergehenden Wienerwaldtunnels, stellt einen sehr langen Tunnel dar. Somit hat die HL-AG bei der Projektierung dieses Tunnelsystems selbst derjenigen Forderung nicht entsprochen, welche in dem von ihr beauftragten Gutachten gestellt worden war.

Wie dies nachstehend dargelegt ist, wird von Fachleuten seit vielen Jahren gefordert, neue Tunnel zweiröhrig zu errichten. Es wird hierzu auf folgende Dokumente verwiesen:

Schreiben der MA 68 (Wr. Feuerwehr) vom 26. März 1990:

'Beim Lainzer Tunnel ist eine Gleisführung in einer einzigen Tunnelröhre vom sicherheitstechnischen Standpunkt her nicht vertretbar.'

Richtlinie des Deutschen Eisenbahn-Bundesamtes vom Jänner 1997:

'Bei langen Tunneln und uneingeschränktem Mischbetrieb sind die Fahrtunnel als eingleisige Tunnel anzulegen.'

H.J.Blätte, Chef der Berufsfeuerwehr in Wuppertal, in einer Stellungnahme zu den sicherheitstechnischen Einrichtungen des Tunnelbauwerkes Lainzer Tunnel und Wienerwaldtunnel vom 24. August 1999:

'Das Tunnelbauwerk ist mit seiner einröhrigen Konstruktion bei gemischtem Verkehrsaufkommen signifikant außerhalb der sonst üblichen Sicherheitsstandards.'

A.Schatzmann, Engineering Director bei der Taiwan High Speed Corporation, in einem Gutachten betreffend den Lainzer Tunnel und den Wienerwaldtunnel vom September 1999:

'Auf die einzige eingleisige Tunnelröhre ist zu verzichten. Die Tunnelanlage soll aus zwei eingleisigen Tunnelröhren bestehen.'

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. November 1999 in einem Bericht zu einer Rettungsübung 'Eine lehrreiche Katastrophe, die nicht stattfand':

'Klaus Jürgen Bieger, Leiter des Notfallmanagements der Deutschen Bahn, sah sich hier bestätigt: Wir stellen unser Rettungskonzept um. Künftig wird wie in Straßentunnels das Zwei-Röhren-Prinzip für Eisenbahnen unter Tage angewandt!'

Dr.U.Ludescher, Chef des Schweizer Arbeitsinspektorates, laut APA-Meldungen vom 17. November 2000 und vom 19. November 2000:

'Der Lainzer Tunnel muß zweiröhrig errichtet werden.'

Der langjährige Branddirektor von Graz, Dr.O.Widetschek, hat in der Zeitschrift 'Blaulicht' 5/97 für neue Tunnelanlagen zwei Röhren gefordert.

In der Fernsehsendung 'Report' am 21. November 2000 haben Herr A.Oberlercher, Landesbrandinspektor Kärnten, für den Tauern-Tunnel und Herr W.Weissgärber, Landesfeuerwehrkommandant NÖ, für den Semmeringtunnel ein zweiröhriges Tunnelsystem gefordert.

Einzig und allein Herr Dr.F.Perner, Branddirektor von Wien, hat im Gegensatz zur Stellungnahme der MA 68 aus dem Jahr 1990 und entgegen den Forderungen seiner Kollegen aus den Bundesländern Kärnten und Niederösterreich die Auffassung vertreten, daß der Lainzer Tunnel, obwohl er einröhrig und zweigleisig ist, den Anforderungen hinsichtlich der Sicherheit entspricht. Die Begründung hierfür bestand darin, daß aufgrund der in Abständen von etwa 500 m vorgesehenen vertikalen Notausstiege, welche allerdings bis zu 70 m hoch sind, eine Selbstrettung der Passagiere ermöglicht werde.

Dessen ungeachtet hat Herr Dr.Perner in einem Schreiben vom 7. Juni 1999 ausgeführt, 'daß er hinsichtlich der Verantwortung für die Sicherheit der Reisenden festhalte, daß diese ausschließlich bei den ÖBB bzw. beim Verkehrsministerium liege. Die Feuerwehr stelle auch keinen Amtssachverständigen, sondern werde nur angehört und dürfe eine Stellungnahme abgeben'.

Den Stellungnahmen der Experten ebenso wie den bestehenden Richtlinien liegen die Sachverhalte zugrunde, daß bei einem zweigleisigen Tunnel gegenüber zwei eingleisigen Tunneln eine maßgeblich erhöhte Eintrittswahrscheinlichkeit von Unfällen besteht, daß in Tunnelbauwerken keine Weichenanlagen vorgesehen sein dürfen und daß eine Verlagerung des Transportes von gefährlichen Gütern von der Straße auf die Schiene angestrebt wird. Zudem stellt in Fällen von Brandereignissen die Selbstrettung die weitaus wirkungsvollste Art der Rettung dar vorausgesetzt, daß ein über Querschläge erreichbarer zweiter Tunnel als Rettungstunnel zur Verfügung steht.

Abgesehen davon, daß die aufgrund einer Reduktion des Risikos erreichbare maßgeblich erhöhte Sicherheit auch Mehrkosten rechtfertigen sollte, ist zu berücksichtigen, daß die Kosten der Errichtung und des Betriebes eines zweiröhrigen Tunnelsystems und die Kosten einer zweigleisigen einzigen Tunnelröhre mit einer Vielzahl von vertikalen Notausstiegen zumindest angenähert gleich sind.

Zudem entspricht das Konzept mit vertikalen Notausstiegen deshalb keinesfalls den Erfordernissen, da im Falle eines Brandes durch die Notausstiege eine Kaminwirkung verursacht wird, durch welche eine Selbstrettung sehr erschwert wenn nicht sogar verhindert wird.

Eine fahrplanmäßige Entflechtung des Personenverkehrs vom Güterverkehr wurde im Eisenbahnrechtlichen Bescheid zum Mittelabschnitt des Lainzer Tunnels vom 24. Februar 2000 (siehe Seiten 69 und 70) vom Amtssachverständigen für Eisenbahnbetrieb deshalb als nicht möglich festgestellt, da hierdurch die Kapazität des zusammenhängenden Tunnelsystems 'Lainzer Tunnel -Wienerwaldtunnel' infolge von Fahrplanänderungen oder allfälliger Verspätungen in einer Weise eingeschränkt wird, die eine Abwicklung des zu erwartenden Transportaufkommens nicht möglich erscheinen läßt.

Sämtliche diese Sachverhalte, welche der HL-AG seit vielen Jahren bekannt sein mußten, dürften den Politikern nicht zur Kenntnis gelangt sein. Die Fachleute haben sich zwar schon längst unmißverständlich geäußert, jedoch sind sie offensichtlich nicht gehört worden.

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