Prof. Rürup: Pensionssystem in Österreich muß bis 2010 reformiert werden

Investition in Bildung wichtigster Baustein

Wien (OTS) - Österreich wird nicht umhin können, sein Pensionssystem bis zum Jahr 2010 grundlegend zu reformieren. Dies erklärte der deutsche Universitätsprofessor für Volkswirtschaft und Pensions-Experte, Prof. Bert Rürup am Dienstag, 21. November 2000 auf einer Diskussionsveranstaltung der Merkur Versicherung in Salzburg. Den wichtigsten Beitrag in einer alternden Wohlstandsgesellschaft, wie sie in Österreich vorliegt, muß jedoch die Bildungspolitik leisten.

Rürup, anlässlich der Pensionsreform 1997 auch Berater der österreichischen Bundesregierung, war Gast in der Veranstaltungsreihe "Merkur Circle". Die auf Personenversicherungen spezialisierte Merkur lädt in regelmäßigen Abständen Meinungsbildner und Führungskräfte in verschiedenen Städten zur Diskussion über Zukunftsthemen, die über das kurzfristige Tagesgeschäft hinausreichen.. Insgesamt 70 Gäste aus Wirtschaft und öffentlichem Leben in Salzburg waren der Einladung der Merkur Versicherung gefolgt.

Steigende Lebenserwartung

In einer alternden Gesellschaft, wie es die deutsche und die österreichische sind, werden Junge über Gebühr belastet, betonte Rürup. Während vor zehn Jahren jeder dritte Erwerbstätige unter 30 Jahre alt war, wird es in wenigen Jahren nur mehr jeder fünfte in diesem Alter sein. Ab dem Jahr 2010 gehen nach dem derzeitigen System die geburtenstarken Jahrgänge der 50er Jahre (Babyboomer) in Pension. Die Lebenserwartung nimmt durchschnittlich um 35 Tage pro Jahr zu, die Restlebenserwartung für über 65-jährige Männer beträgt derzeit 16 Jahre, für über 65-jährige Frauen 19 Jahre.

Diese Prognose geht von einer kontinuierlich, aber langsam steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung aus. Sollte es tatsächlich durch Entwicklungen der Gentechnologie zu einem sprunghaften Ansteigen der durchschnittlichen Lebenserwartung um zehn Jahre kommen, wie zum Beispiel im Buch "Die medizinische Revolution" prognostiziert, würden öffentliche und private Pensionssicherungssystem zusammenbrechen, betonte Rürup im Anschluß an den Vortrag im Interview.

Strukturelle Pensionsreform notwendig

Es werde daher eine strukturelle Pensionsreform notwendig sein. In der Schweiz sind derzeit rund 71 Prozent der 55 bis 64-jährigen Menschen erwerbstätig, in Deutschland sind es 39 Prozent, in Österreich keine 30 Prozent. Man werde nicht umhin kommen, länger zu arbeiten. Eine Anforderung, die sich nicht nur an die Arbeitnehmer, sondern auch an die Arbeitgeber richten wird, die dafür die Rahmenbedingungen schaffen müssen.

Es werde notwendig sein, zum bisher in Österreich und Deutschland gültigen Umlageverfahren, bei denen die jeweils erwerbstätige Generation die Pensionen der nichterwerbstätigen Generationen finanziert, durch ein Eigenvorsorge-Programm zu ergänzen. "Wenn sich eine Gesellschaft, wie zum Beispiel die österreichische oder die deutsche, ein Geburtendefizit von 35 Prozent leistet, muß auch Kapital angespart werden." In Österreich sei man von einer solchen Reform noch weit weg. Man versuche derzeit, das Umlagesystem zu reformieren ujnd das kapitalgedeckte System nur freiweillig einzuführen, obwohl laut aktueller Umfragen in der Gesellschaft bereits ein großes Misstrauen bezüglich eines Umlagesystems herrscht.

In Österreich habe man 1997 versäumt, eine fundamentale Pensionsreform umzusetzen. Spätestens in der nächsten Legislaturperiode werde sie notwendig sein.

Reform des Gesundheitssystems noch wesentlich schwieriger

Noch wesentlich komplizierter werde es sein, das Gesundheitssystem in diese Richtung zu adaptieren. Es werde eine der großen politischen Aufgaben der nächsten fünf bis zehn Jahren sein, das Gesundheitssystem in diese Richtung zu reformieren. Man werde Anreize dafür schaffen müssen, dass weniger Gesundheitsleistungen nachgefragt, aber auch dass weniger Gesundheitsleistungen angeboten werden. Rürup schloß in diesem Zusammenhang nicht aus, dass zur Erhaltung eines flächendeckenden Gesundheitssystem in Hinkunft die freie Arztwahl im Rahmen einer Basisversorgung eingeschränkt werden muß. Zum Beispiel für Anti-Aging-Behandlungen oder aber auch Homöopathie muß eine andere Finanzierungsform, die sich nicht auf die Arbeitskosten niederschlägt, überlegt werden.

Zuwanderung als Instrument der Wirtschaftspolitik

Im Zusammenhang mit der Pensionssicherung äußerte sich der Darmstädter Universitätsprofessor auch zum Thema Zuwanderung und betonte, dass auf diesem Wege das Pensionssystem nicht gesichert werden könne. Um bis zum Jahr 2050 den Bevölkerungsstand stabil zu halten, würde man in Österrich eine Zuwanderung von rund 2 Millionen Menschen in den nächsten 50 Jahren benötigen. Um Die Zahl der Erwerbstätigen zu halten, bräuchte man eine Zuwanderung von rund drei Millionen Menschen. Um die Relation zwischen Pensionisten und Erwerbstätigen bis 2050 gleich zu halten, benötigte man in Österreich 22,5 Millionen Zuwanderer - eine unrealistische Summe.

Zuwanderung ist im nationalen ökonomischen Interesse aufrecht zu erhalten, betonte Rürup. Statt substitutiver Zuwanderung, bei der Ausländer einheimischen Kräften Arbeitsplätze wegnehmen, ist jedoch eine komplementäre Zuwanderung notwendig. "Jeder IT-Spezialist, der ins Land kommt, schafft sechs neue Arbeitsplätze", so Rürup. "Zuwanderung ist daher Wirtschaftspolitik, Asylpolitik ist Menschenrechtspolitik."

Wichtigster Beitrag liegt im Bildungsbereich

Der wesentlichste Beitrag zur langfristigen Absicherung der Zukunft in einer alternden Wohlstandsgesellschaft liegt viel mehr im Bildungs- als im Wirtschaftsbereich. Im Bildungsbereich müsse daher investiert werden. Moderne Bildngspolitik setzt dabei nicht nur auf Basisbildung, sondern auf die Fähigkeit zur individuellen Weiterbildung. Diese darf nicht auf jüngere Arbeitskräfte allein reduziert werden. "Es muß mehr Geld in die Universitäten investiert werden. Dabei gibt es einen hohen Nachholbedarf in Österreich".

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