Vom Umgang mit Geschichte

Österreich: Opfer und Täter im Nationalsozialismus
Von Gerhard Maurer

Österreich und der Nationalsozialismus Ð 55 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes sollte dieses Thema eigentlich schon Bestandteil eines differenzierten Geschichtsbewusstseins sein. Doch in der aufgeheizten Atmosphäre der Tagespolitik wird Geschichte nun zum Schauplatz eines Stellvertreterkrieges zwischen Regierung und Opposition, in dem das ãOpfer ÖsterreichÒ gegen den ãTäter ÖsterreichÒ streitet.
ãDer souveräne Staat Österreich war buchstäblich das erste Opfer des Naziregimes. Sie nahmen Österreich mit Gewalt. Sie (die Österreicher) waren in der Tat die ersten Opfer ... Selbstverständlich mindert das in keiner Weise die moralische Verantwortung Österreichs.Ò Wolfgang Schüssel hat mit dieser Erklärung gegenüber der ãJerusalem PostÒ den neuen Streit losgetreten.
Unbestreitbar war Österreich völkerrechtlich gesehen ein Opfer der Expansionspolitik des Deutschen Reiches. Schüssel hat allerdings vom ãersten Opfer des NaziregimesÒ gesprochen, und dies ist zweifellos nicht ganz korrekt. Das erste Opfer des Nazi-Regimes war nun einmal Deutschland Ð dort wurde die Demokratie abgewürgt, gab es die ersten Toten, Verfolgten, wurden die ersten Konzentrationslager eingerichtet. Deutschland mit dem Nazi-Regime gleichzusetzen, hieße die Kollektivschuld-These neu zu beleben.

Zum zweiten deutet Schüssels Äußerung an, der Nationalsozialismus sei von außen nach Österreich gekommen, sei also Österreich fremd gewesen. Wir alle wissen, dass der Nationalsozialismus zum Zeitpunkt des Anschlusses in Österreich bereits tiefe Wurzeln geschlagen hatte, dass Hunderttausende Österreicher sehnsüchtig auf den Erlöser Hitler warteten.
Freilich, nicht alle, die für den Anschluss stimmten, waren Nazis. Die Folgen der Weltwirtschaftskrise und der mit Mussolini verbündeten Dollfuß-Diktatur hatten die ohnedies schwachen Bindungen vieler Menschen an den Staat Österreich massiv erschüttert. Vom Anschluss an Deutschland versprachen sich nicht nur österreichische Nazis, sondern auch Sozialisten (Renner) und deutsch-nationale Rechtskatholiken (Seyß-Inquart) eine Verbesserung der Lage. Selbst die Gestapo schätzte 1938 die Nazis in Österreich als Minderheit ein. In keinem anderen Land, das von Hitler besetzt wurde, haben sich freilich so viele Menschen mit dem Dritten Reich identifiziert und ihm gedient wie in Österreich. Dass die ganz überwiegende Mehrheit der Österreicher, die in die Wehrmacht einrückten, die Teilnahme an Hitlers Krieg bis heute als vaterländische Pflichterfüllung verstehen, unterstreicht das gebrochene Verhältnis zwischen Österreich, Deutschland und dem Nationalsozialismus als Klammer zwischen beiden.

Der Streit ãOpferÒ gegen ãTäterÒ verstellt den Blick auf eine sehr komplexe historische Wahrheit, in der nur in der Rückschau Gute und Böse lupenrein zu identifizieren sind. Wir sollten unsere Geschichte nicht als tagespolitischen Totschläger missbrauchen, sondern als Quelle eines permanenten staatsbürgerlichen Lernprozesses nutzen. Gerade in der jetzigen Situation Österreichs.

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