Major Franz Lang zu Gast im Ö3 "Frühstück bei mir"

Leiter der Kriminalabteilung Salzburg im Portrait

Wien (OTS) - Major Franz Lang von der Kriminalabteilung Salzburg, Koordinator der kriminalistischen Ermittlungen der Seilbahnkatastrophe von Kaprun, war heute, Sonntag, zu Gast im Ö3-Frühstück bei mir. Im folgenden die Fortsetzung des Interviews, das Claudia Stöckl mit ihm führte.****

Franz Lang über den Umgang mit dem Tod

Claudia Stöckl: "Ein Frühstück heute aus Kaprun, ein Ort, in dem ganz langsam die Normalität wieder einkehrt. Ganz langsam, oder?"

Franz Lang: "Ich hoffe es für die Kapruner. Gestern hat man wieder Kapruner gesehen, hat man wieder Kinder gesehen auf der Straße. Die Leute haben sich schön langsam wieder aus den Häusern getraut und das war doch so das erste Zeichen, dass Kaprun, das immer schon ein etwas lauter Ort war was den Tourismus betrifft, es war oft das pure Leben hier, dass das doch hoffentlich schön langsam wieder kommt."

Claudia Stöckl: "Sie haben hier durch Ihren Job mit einer Frage zu tun, die viele Menschen verdrängen oder mit einer Tatsache, nämlich die der Endlichkeit unseres Lebens. Sie sind eigentlich permanent mit dem Tod konfrontiert, auf was für brutale Weise er eigentlich stattfinden kann. Wie stehen Sie selber dazu? Denken Sie oft darüber nach?"

Franz Lang: "An und für sich schon und man hat, glaube ich, ein sehr normales Verhältnis zum Tod: Beim Bergsteigen und Klettern. Ich bin auch einmal vom Haus gefallen."

Claudia Stöckl: "Vom Hausdach beim Dachdecken".

Franz Lang: "Ja und öfter kommt man in eine Situation, wo man sagt:
"Das hätte jetzt genauso schief gehen können". Überhaupt früher, wo man selbst auf der Straße gestanden ist als uniformierter Gendarm, aber der Tod gehört zum Leben. Das Leben kann von mir aus kurz verlaufen, es soll nur nicht fad sein oder man soll nur nicht so dahinplätschern im Leben, das, glaube ich, wäre das Falscheste. Man soll auch immer wieder rechnen mit dem Tod, es ist einem einfach bestimmt."

Claudia Stöckl: "Aber haben Sie nicht daran gekiefelt, das erste Mal, wie Sie zum Beispiel einen Menschen nach seinem Ableben gesehen haben?"

Franz Lang: Dass es irgendwie weitergeht, irgendwo, das habe ich so im Gefühl. Meine ganz persönlichen Erlebnisse bei einem Toten, wenn man schnell hinkommt, es ist schon noch irgendwas da, das so mit der Zeit verschwindet."

Claudia Stöckl: "Also, die Seele ist noch im Raum?"

Franz Lang: "Ja, so ungefähr. Wenn man dort alleine hinkommt und die Kollegen holen draußen gerade was und man ist alleine dort, dann spürt man irgendwie, es ist noch irgendwas da und dass es da schon eine andere Ebene gibt als die biologische auf dem Gebiet. Soweit ich von der Psychologie her weiß, ist es dass wenn der Mensch realisiert dass der Tod kommt, dass er mit so vielen Gedanken beschäftigt ist, dass er sich mit Sicherheit nicht dem Leiden und der Angst hingibt, davon bin ich überzeugt. Ich habe auch schon einige Leute sterben sehen, fast in den Armen und so schrecklich ist es nicht. Wenn das Leben noch da ist, aber es ist auch irgendwie ein Blick in die Zukunft da, das spürt man. Es ist nicht so dieses Entsetzten da, das habe ich noch nie gesehen."

(...)

Claudia Stöckl: "Herr Lang, Sie haben in Ihrem Job sehr viel mit den unschönen Geschichten des Lebens zu tun: Ein Mann ersticht seine Frau, ein Kind nimmt die Pumpgun und tötet seinen kleinen Bruder. Wie verkraftet man das?"

Franz Lang: "Dazu muss man sagen, solche Dinge gehören zum Leben, jede gute Seite hat einen schlechten Widerpart und ich muss manchmal schmunzeln über diese Illusionisten, die von irgendeiner heilen Welt träumen. Eine drogenfreie Gesellschaft wird es nie geben, das ist eine Illusion."

Claudia Stöckl: "Warum glauben Sie das? Wird der Mensch immer eine Ausflucht suchen, und wohin?"

Franz Lang: "Alles pendelt immer zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Dunkel und das Dunkel reizt durchaus auch. Manche nur bis zu einer gewissen Grenze, manche nur zu gewissen Zeiten, aber mit Sicherheit reizt das Dunkel auch. Der Mensch lässt sich nicht auf Gut programmieren."

Claudia Stöckl: "Wenn Sie jetzt aber an einen Tatort kommen und zum Beispiel ist eine Tragödie passiert: Ein kleiner Bub erschießt in Salzburg seinen Bruder, Sie sehen ein totes Kind, müssen Sie sich nicht überwinden, dorthin zu schauen, wo jeder andere wegschauen würde?"

Franz Lang: "Ja, Kinder sind mein Schwachpunkt, aber was man lernt in diesem Job, ist nicht, dass man kalt wird, sondern einfach, bei mir geht es so, dass man Tränen zurückhalten kann. Aber man merkt selbst, wenn man kämpft, man wird leise mit dem Sprechen, man versucht einmal längere Zeit nicht zu sprechen und irgendwann geht’s dann wieder aufwärts - mir geht’s persönlich so. Ich muss bewusst das Bild ausblenden und wegschauen und dann gelingt es mir, dass ich wieder rauskomme in die sachliche Ebene."

Claudia Stöckl: "Aber das heißt, dass Sie nicht abgehärtet sind, oder schon?"

Franz Lang: "Ich glaube, das mit der Abhärtung ist ein Märchen, ganz einfach. Es ist einfach auch eine kurzfristige Verdrängungsroutine, so würde ich sagen."

Claudia Stöckl: "Sie sprechen immer von Psychohygiene, die Sie und alle anderen in Ihrem Job brauchen, um das Erlebte zu verkraften. Wie betreiben Sie Ihre persönliche Psychohygiene, was tun Sie?"

Franz Lang: "Man muss sich immer bewusst Impulse suchen, ich mache Musik, lese gerne, betreibe Sport, gehe mit der Familie spazieren, lange Gespräche, schöne Kurzurlaube, gutes Essen, guter Wein. Es gibt viele, viele Dinge, die die Seele und den Blutdruck wieder runterholen. Obwohl ich mit dem Blutdruck keine Probleme. Es ist einfach so, dass man Freizeit ganz, ganz bewusst genießen muss."

Claudia Stöckl: "Und wie geht es Ihnen mittlerweile?"

Franz Lang: "Seit drei Tagen wieder etwas besser. Da ist so der große Druck und die Sorge, ob es tatsächlich gelingt, was wir vorhaben und planen, ob es ohne weiteren Unfall gelingt. Ich habe wieder meinen normalen Rhythmus schön langsam beim Schlafen und beim Essen.

Claudia Stöckl: "Wie war es vorher? Wie war es in den ersten Tagen danach?"

Franz Lang: "Naja, grundsätzlich höchstens zwei Stunden Schlaf, es war unruhiger Schlaf, meistens um vier Uhr wieder wach, um zwei Uhr erst eingeschlafen, dann eine Stunde im Bett konzipiert: Was bringt der Tag, was machen wir, wie teilen wir unseren Part ein und wie die anderen, wie koordinieren wir das und dann war ich schon wieder auf, hinein ins Tal, mit den Leuten sprechen, wie es ihnen geht, was wir heute schaffen."

Claudia Stöckl: "Mit Ihren Leuten?"

Franz Lang: "Ja. Man muss auch aufpassen, dass sie nicht psychisch überfordert werden. Wir mussten einige Leute öfters wesentlich früher rausnehmen."

Claudia Stöckl: "Sie haben die Hauptverantwortung getragen oder tragen sie noch immer für die Ermittlungen, das heißt, Sie konnte man nicht austauschen. Haben Sie sich nicht auch jemals überfordert gefühlt?"

Franz Lang: "Überfordert nicht, aber man denkt immer, wie kommt man dazu. Aber eigentlich ist es der Job, den man genommen hat und für den man sich entschieden hat und damit geht es los, da gibt’s keine Fragen mehr."

Claudia Stöckl:"Wirklich?"

Franz Lang: "Ja, wirklich. Sicher überlegt man, ob man im Leben etwas Anderes hätte machen sollen, aber es hängt vieles mit dem Schicksal zusammen und das bringt eben das auch mit sich."

Claudia Stöckl: "Tauchen die Bilder im Tunnel immer wieder vor Ihnen auf?"

Franz Lang: "Ich war bewusst nur einmal drinnen, das ist wichtig so, weil man den Kopf absolut frei haben muss für Koordinationsaufgaben. Es war auch so, dass das Rote Kreuz ein Kriseninterventionszentrum eingerichtet hat und dort haben sich wirklich schreckliche Szenen abgespielt. Ich war einmal eine halbe Stunde dort drinnen und da weint man zwangsläufig mit. Ich bin nie mehr dorthin gegangen, denn sonst würde man den anderen Aufgaben nicht mehr entsprechen können."

Claudia Stöckl: "Haben Sie selbst in den letzten Tagen auch psychologische Hilfe in Anspruch genommen?"

Franz Lang: "Zweimal habe ich mich kurz briefen lassen von unseren eigenen Leuten. Man muss schauen, wie sich in den nächsten Wochen die Nächte entwickeln. Wenn man zu träumen beginnt davon und die Bilder einen nicht mehr loslassen im Schlaf, dann wird man es selber nicht mehr schaffen. Dann muss man es tun."

(Schluss)

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