DER STANDARD-Kommentar "Robin Hood, nackt - Jörg Haider als lächerliche Figur: Ein treffender Befund, vielleicht etwas voreilig" (von Michael Fleischhacker), Erscheinungstag 17.11.00

Wien (OTS) - Jörg Haider, eine lächerliche Figur? Einige Buchveröffentlichungen jüngeren Datums legen diesen Befund nahe, auch aus Leitartikeln der vergangenen Wochen ließ er sich heraushören. Christian Ortner brachte es dann im Format auf den Punkt: Jörg Haider, schrieb er, gebe sich selbst der Lächerlichkeit preis, bundespolitisch sei er machtlos, eine Art Zwergenkönig von Minimundus.

Tatsächlich spricht auf den ersten Blick einiges dafür, dass der Wunderknabe seinen Zenit überschritten hat. Die Frage lautet nun:
Sind die hysterischen Reaktionen Haiders und jene seiner engsten Vertrauten auf den Ausbruch des Spitzelskandals einfach nur lächerlich, oder sind sie nicht doch die Bedrohung der liberalen Demokratie, vor der immer wieder gewarnt wird?

Die korrekteste Antwort war immer schon: von beidem etwas. Und dass diese Antwort heute verstärkt auch den öffentlichen Diskurs bestimmt, signalisiert vielleicht am deutlichsten, dass sich wirklich etwas verändert hat: Haider übt durch seine Persönlichkeit und sein politisches Agieren nicht mehr den polarisierenden Zwang aus, der vierzehn Jahre lang die Politik in Österreich bestimmt hat.

Für ihn persönlich und seinen übersteigerten Narzissmus ist das die Höchststrafe, und auch für das politische Konzept seiner Partei ist es von nachhaltiger Bedeutung: Eine FPÖ, die sich ihrer polarisierenden Wirkung nicht mehr sicher sein kann, hat ihren Trumpf aus der Hand gegeben.

Der entscheidende Katalysator für diese politchemische Verpuffungsreaktion war die Regierungsbeteiligung der FPÖ. Das spürt Haider, und deshalb versucht er ständig, die populistische Energiezufuhr zu erhöhen. Mit mäßigem Erfolg, wie auch der Kärntner Sonderparteitag gezeigt hat: Die Begeisterungsfähigkeit erstreckt sich momentan offensichtlich nur noch auf die alten, in Kärnten immer schon am breitesten gestreuten Kernschichten der Partei. Jörg Haider, der seinerzeit die Girlies in der In-Disco zum Kreischen brachte, singt heute bis zwei Uhr früh im Kreise der Verschworenen Kärntnerlieder: ein treffendes Bild, so unvollständig und vorläufig es auch sein mag.

Es korrespondiert aber durchaus mit den Ergebnissen der Meinungsforscher, vor allem mit dem Ergebnis der steirischen Landtagswahl: Jene bürgerliche Klientel, die sich vom Charme des Unerhörten und vom unbedingten Willen zur Macht angezogen fühlte, die den fashionablen und spritzigen Porschefahrer der faden, biederen, über weite Strecken spießigen ÖVP vorgezogen hat, ist offensichtlich zurückgekehrt. Mag sein, dass ihnen das perfekte Machtspiel Wolfgang Schüssels imponierte, mag sein, dass tatsächlich eine erste Entzauberung der FPÖ stattgefunden hat.

Wenn es eine Entzauberung ist, muss man sie vor allem der Einengung des Spielraums durch die "Wende" zuschreiben: Die FPÖ, die in einem vollständig erstarrten großkoalitionären System alle Enttäuschten sammelte, findet sich durch Regierungsbeteiligung und Spitzelskandal unversehens in einer Situation ohne Alternativen wieder: Zwischen Neuwahlen und Gerichtssaal lebt es sich nicht so locker.

Auf den zweiten Blick aber wären Nachrufe auf Jörg Haider verfrüht:
Seinen Instinkt hat er nicht verloren, er weiß, dass er das Gesetz des Handelns nur durch eine Verschärfung der Gangart wiedergewinnen kann. Gut möglich, dass er den Schwung, den ihm die Aufhebung der Suspendierung seines Leibwächters sicher verleiht, umsetzen kann. Nicht unwahrscheinlich auch, dass er persönlich aus dem Spitzelsumpf unversehrt heraussteigt. Am Ende könnte also Haiders Versuch, in die Märtyrerrolle zu schlüpfen, vom Erfolg gekrönt sein, und er hätte seine alte Dynamik wieder.

Prinzipiell beherrscht Jörg Haider beide Rollen: die des verfolgten Robin Hood und die des absolut herrschenden Königs. Vielleicht hapert es derzeit nur ein wenig an der Regie: Er spielt Robin Hood, nackt.

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