Protest der Plattform "Universität und Demokratie" gegen Schüssels "Opferthese"

Wien (OTS) - Die "Plattform Universität und Demokratie"
protestiert gegen die, von Bundeskanzler Schüssel in einem Interview mit der "Jerusalem Post" vertretene Behauptung, "die Österreicher" seien die ersten Opfer des Nationalsozialismus gewesen wären. Schüssel setzt sich damit über die Ergebnisse der internationalen und österreichischen wissenschaftlichen Forschung hinweg, die - neben der Verfolgung der wahren Opfer durch den Nationalsozialismus - einen hohen Grad an Partizipation eines großen Teils der österreichischen Bevölkerung am Nationalsozialismus nachgewiesen hat: Die Partizipation führt von der Zustimmung zum Anschluß, über die Beraubung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung bis zum Holocaust, an dessen Umsetzung überproportional viele Österreicher beteiligt waren. Eine ausschließlich völkerrechtliche Argumentation negiert diese historischen Tatsachen und reduziert die Verantwortung Österreichs auf ein "moralisches Problem". Faktum ist vielmehr, dass sich die österreichische Gesellschaft im Nationalsozialismus in ihrem Verhalten zu den verbrecherischen Taten des NS-Regimes nicht von der deutschen Gesellschaft unterschieden hat. Auf die Täterschaft von Österreichern im Nationalsozialismus haben Bundespräsident Klestil sowie der damalige Bundeskanzler Vranitzky in einigen Reden beispielsweise zur Wiedereröffnung der beim Novemberpogrom 1938 zerstörten Grazer Synagoge, im Parlament und bei offiziellen Staatsbesuchen in Israel hingewiesen. Nachdem bereits Aussenministerin Ferrero-Waldner öffentlich die Opferthese vertreten hat, zeigt das Interview des Bundeskanzlers, dass die Vergangenheitspolitik der ÖVP-FPÖ-Regierung auf dieser längst überwunden geglaubten Geschichtsinterpretation basiert. Bundeskanzler Schüssels Geschichtsauffassung weist auch darauf hin, dass die Regierung die Verhandlungen um die Rückstellung "arisierten" Vermögens nicht als eine Bringschuld versteht, sondern ebenso wie die Entschädigung für NS-Zwangsarbeiter als eine "freiwillige Leistung" sieht - denn: "Österreich hat nicht existiert" (Regierungsbeauftragte Maria Schaumayer, Falter 21/2000). Dieses Interview des Bundeskanzlers am Jahrestag des Novemberpogroms ist ein Affront gegen die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus und ein aussenpolitischer Skandal, der die internationale Reputation dieser Regierung auf Null sinken lässt. Während in Deutschland Regierungsmitglieder anläßlich des Gedenkens an das Novemberpogrom an einer Demonstration gegen Rechtsextremismus und gegen Ausländerfeindlichkeit teilnehmen, nützt der österreichische Bundeskanzler diesen Anlass, um in einer israelischen Zeitung jene Geschichtsinterpretationen zu verbreiten, die seit Jahren in der internationalen Öffentlichkeit zu Recht auf heftige Kritik und Ablehnung stößt . Die Aussagen des Bundeskanzlers sind ein eklatanter Bruch der Präambel zur Regierungserklärung, in der sich die Regierung "zur kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit" verpflichtet. Wir fordern daher Herrn Bundespräsident Klestil auf, diesen Bruch der Präambel aufs Schärfste zu verurteilen.

Für die Plattform "Universität und Demokratie":
Univ. Prof. Dr. Mitchell Ash, Institut für Geschichte der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Gerhard Botz, Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Fritz Peter Kirsch, Institut für Romanistik der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Richard Otto Uher-März, Institut für Medizinische Chemie der Universität Wien
Univ. Ass. Dr. Walter Manoschek, Institut für Staatswissenschaft der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Edith Saurer, Institut für Geschichte der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Mary Snell-Hornby, Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Wien
Univ. Prof. Mag. Dr. Birgit Wagner, Institut für Romanistik der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Michael Weinzierl, Institut für Geschichte der Universität Wien
Univ. Prof. Dr. Ruth Wodak, Österreichische Akademie der Wissenschaften

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Walter Manoschek
Plattform Universität und Demokratie
Tel.: 01/4277 383 07

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF/OTS