DER STANDARD-Kommentar: "Geliebte Klimakatastrophe - Warum es keinen Wandel zum Besseren geben darf" (von Jürgen Langenbach)

Erscheinungstag 15.11.00

Wien (OTS) - Dass Österreich zu den Profiteuren des Klimawandels gehören wird - weil nach derzeitigem Prognosenstand mildere Zeiten kommen, in denen die Landwirte länger ackern können und die Heizöfen kürzer qualmen müssen und höher gelegene Skigebiete trotzdem länger Schnee haben -, ist für Katastrophenverliebte eine unerwünschte Botschaft: Irgendein Schrecken wird sich doch auftreiben lassen -darbende Gletscher, tobende Stürme, massenhaft Lawinen!

Natürlich sind Bad News Good News nicht nur für Journalisten, sondern auch für die Fundraiser der Umweltorganisationen, die bei der Weltklimakonferenz in Den Haag die Apokalypse an die Wand malen wie einst die mittelalterlichen Bußprediger. Natürlich treibt die Konkurrenz um Forschungsgelder auch die diversen Wissenschaften dazu, ihre Gebiete möglichst hoch emotional aufzuladen.

Und natürlich wird der Druck auf die Politiker und ihre Handlungsbereitschaft in Sachen Klimaschutz noch schwächer, wenn es überhaupt nicht uns, sondern nur die Armenhäuser irgendwo im Süden trifft, denen das Wasser ohnehin bis zum Hals steht.

Aber Taktik alleine erklärt die Verliebtheit nicht, die eine Katastrophe auf sich zieht, die kein heute Lebender ausbaden muss. Weitsicht, Vorsorge, Verantwortung für die Kinder? Na ja, bevor die Klimakatastrophe kommt, sind die Böden ruiniert, die Kriege um das Wasser geschlagen, die Meere leer gefischt: an Umweltdesastern kein Mangel.

Aber nichts rührt so wie der Klimawandel. Vielleicht liegt das am Wandel, der als Fortschritt allerorten freudig begrüßt wird - mit welcher Begeisterung werden die Revolutionen der Kommunikationstechniken gefeiert - und offenbar doch so viel Misstrauen weckt, dass zumindest die Natur konstant bleiben und sich nicht wandeln möge, auch nicht zum - für uns Privilegierte -Besseren.

Vielleicht soll der ferne Schrecken auch den nahen bannen, der jederzeit auf Autobahnen und Skiliften droht.

Wie auch immer, das ewige apokalyptische Satteln ist kontraproduktiv und verharmlosend. Kontraproduktiv insofern, als die Inflation der Katastrophen irgendwann ermüdet: Was haben wir nicht vor fünfzehn Jahren den Wald totgeschrieben ("in zehn Jahren alles weg") und dann die Ozonloch-Hautkrebse explodieren lassen! Das mag die Sensibilität kurzfristig schärfen - der saure Regen wurde minimiert, "Ozonkiller" verboten -, erdrückt sie aber auf auf lange Sicht, wenn zudem der Weltuntergang ausbleibt.

Und ruft nach immer dickerem Auftragen. Also heißt nun "Klimakatastrophe", was früher einmal unter dem Titel "Energieverschwendung" lief. Das hat Vorteile: Man verengt das Thema auf Treibhausgase, vor allem Kohlendioxid (CO), für die sich schon technische Lösungen finden werden. Die Atomindustrie wittert Treibhausluft, die Erdgasindustrie kann sich ihres Sieges über die Kohle freuen - Klimaschutz heißt bisher vor allem Umstellung der Brennstoffe -, und Geoingenieure experimentieren mit dem Düngen der Weltmeere, auf dass sie uns vom CO befreien. Die Rechenkünstler schließlich finden so viele CO-Senken - Wälder im eigenen Land oder Aufforstung in anderen -, dass ihre Bilanzen bald ein CO-Defizit ausweisen werden.

Ja, gibt es denn etwas Uninteressanteres als CO? Die Energieverschwendung ist das Interessante, an ihr hängt mehr als das Klima, jeder Tankerunfall führt es vor Augen, jeder Krieg um Erdöl auch. Umgekehrt lässt sich die Verschwendung nicht technisch kappen, sie braucht - noch ein vergessenes Wort - die Änderung des Lebensstils, unseres Lebensstils, an dem Natur und weniger Privilegierte leiden.

Natürlich muss etwas getan werden, aber nicht unter falschen Flaggen - dem CO im Allgemeinen und dem Herauskitzeln von Katastrophen bei uns -, sondern wegen der wirklichen Verlierer, in Bangladesch, in Eritrea und wo sonst noch.

PS für alle, die von der Katastrophenliebe nicht lassen können: Es kann bei uns ganz anders kommen als prognostiziert - nämlich eiskalt.

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