"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Alpines Restrisiko" (von Gerd Glantschnig)

Ausgabe vom 15. 11. 2000¶

Innsbruck (OTS) - Von einem ausgebildeten Berg- und Skiführer ist selbstverständlich ein höheres Maß an Sorgfalt zu verlangen, als von einem sogenannten normalen Tourengeher.

Immerhin vertrauen weniger Geübte und oft sogar Anfänger, wie das am 28. Dezember im Jamtal der Fall war, auf die Erfahrung ihres Führers. Grundsätzlich gestattet die Rechtsordnung, dass bei Ausübung bestimmter Sportarten ein gewisses Maß an Restrisiko straflos in Kauf genommen wird. Doch die Grenze zwischen diesem "erlaubten" Risiko und strafbarer Fahrlässigkeit ist sehr dünn. Dazu kommt noch, dass bei manchen Sportarten gerade das Herantasten an das noch Mögliche den besonderen "Kick" liefert.

Für einen ausgebildeten Bergführer sind derartige Grenzgänge allein schon angesichts seiner Verantwortung indiskutabel. Vielmehr muss für ihn das Prinzip gelten, im Zweifel eher einen Schritt zurück als einen Schritt zu viel.

Im Fall Jamtal ist wieder einmal klar geworden, dass das Leben da oben in Eis und Schnee gefährlich ist. Dort gibt es keine absolute Sicherheit. Der Berg ist kein "Big-Brother-Container", in dem wohl dosiert und kontrolliert Aufregung erlebt werden darf.

Die drei Bergführer sind gestern vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen freigesprochen worden.

Doch die menschliche und moralische Verantwortung für die neun Toten im Jamtal kann ihnen kein Gericht der Welt abnehmen. Und so ist es mehr als nachvollziehbar, dass einer der drei Freigesprochenen noch vor dem Urteil sagte, er werde keine Gäste mehr führen, da er nicht glaube, dass man die Lawinengefahr jemals richtig einschätzen könne.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung,
Chefredaktion
Tel.: 0512/5354 DW 601¶

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT/OTS