Sicherheit ist ein Trugbild

Kaprun bedeutet auch ein Ende technischer Illusionen
(Von Meinhard Buzas)

Es ist leichter, das Undenkbare zu Denken, als Vorkehrungen gegen das Undenkbare durchzusetzen und zu verwirklichen. Wenn es denn überhaupt Lehren aus der Kapruner Katastrophe (und früheren) gibt, dann gehört diese dazu: Für die Technik unserer Hochzivilisation ist alles machbar. Aber deswegen nicht beherrschbar. Es heißt nicht grundlos: todsicher.
Die Kluft zwischen dem, was entworfen, konstruiert, gebaut werden kann, und dem, was sich daraus im Extremfall entwickelt, wird größer. Genauso wie der Zwiespalt zwischen theoretisch möglichen Sicherheitsmaßnahmen und ihrer banalen Finanzierbarkeit. Aus dieser Kluft brechen dann die Ereignisse hervor, die sich nicht mehr steuern, nicht begrenzen lassen.

Wir sehen die aus Beton, Stahl, Glas geformte Konkretisierung der Machbarkeits-Illusion auf der ganzen Welt. Wer wo den höchsten Turm der Erde baut, 500, 600 Meter und vielleicht noch höher, ist zu einem Prestigewettkampf zwischen Kontinenten, Wirtschaftszonen und Staaten geworden. Kilometerlange Meeresarme werden mit Brückenkonstruktionen von einer Kühnheit überbrückt, die Staunen einflößt. Und Angst weckt.
50 Kilometer Tunnel unter dem Brenner von München bis Bozen gefällig? Her mit denen, die es zahlen, wir machen es, sagen die Macher. Sie bohren immer tiefere und längere Löcher vom Semmering bis zum Ärmelkanal, lassen Züge immer noch schneller rasen. Sie haben das Höher, Weiter, Schneller vom olympischen zum technischen Motto gemacht, zur Frage von Image und nicht zur Frage von Sinnhaftigkeit. Alles geht, und es kann nichts passieren nach dem, was so trügerisch und überheblich menschliches Ermessen genannt wird. Oder doch, wie sich die Macher ganz im Geheimen immer wieder eingestehen müssen. Aber dagegen Vorsorge zu tragen, das geht nicht, denn dann ist die Meisterleistung nicht mehr finanzierbar.
Wenn technische Abläufe zu vielschichtig, zu kompliziert werden, wenn zu viel ineinandergreifen muss, und Hochtechnologie durch ganz banale Zufälligkeiten ad absurdum geführt wird, dann erfährt die Welt in trauriger Regelmäßigkeit, was die Begriffe ãkann nicht passierenÒ oder ãundenkbarÒ wert sind.
Also komme uns keiner mehr mit Floskeln wie ãalles im Griff, doppelt und dreifach abgesichert, katastrophensicherÒ. Denn nichts, aber auch gar nichts, ist so perfekt, wie uns vorgemacht wird. Die Menschen in aller Welt müssten es spätestens seit der Unsinkbarkeit der Titanic wissen, aber sie haben seit hundert Jahren dieses Wissen immer wieder verdrängt. Die Titanic ist nur noch Stoff für Hollywoodfilme. Kaprun ist Wirklichkeit. Bitter, grausam, zerstörerisch.

Kaprun wird in der Welt vergessen sein, sobald das nächste Katastrophen-Monster seine Krallen ausgefahren, der nächste Einbruch des Unmöglichen in die Wirklichkeit stattgefunden hat. Wir in Oberösterreich leben weiter im Nahbereich eines Atomkraftwerkes zweifelhafter Konstruktion. Auch dieses Bauwerk ist sicher und beherrschbar. Sagen die, die es gemacht haben und betreiben.

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