"Die Presse"-Kommentar: "Wissen und Handeln" (von Norbert Rief)

Ausgabe vom 15.11.2000

WIEN (OTS).Bei Katastrophen gibt es in Österreich einen seltsamen Reflex: Bei einem Unglück im Ausland wird mit aller Bestimmtheit ausgeschlossen, daß sich Ähnliches auch hierzulande ereignen könnte. Ereignet sich aber ebendas in Österreich, haben alle schon immer von den Gefahren gewußt.
Das war so beim Unglück im Montblanc-Tunnel. In Österreich, hieß es damals Mitte 1999, sei Derartiges absolut undenkbar. Als zwei Monate später bei einem ganz ähnlich gelagerten Unfall zwölf Menschen im Tauerntunnel ums Leben kamen, wollten alle schon immer gewußt haben, daß einröhrige Tunnel eine Todesfalle sind.
Caspar Einem verleiht diesem österreichischen Reflex eine ganz neue Dimension. Der Rechnungshof hatte in einem Bericht kritisiert, daß die auch für die Kitzsteinhorn-Bahn zuständige Eisenbahnbehörde im Verkehrsministerium aufgrund Personalmangels "weitgehend die Durchführung der behördlichen Aufsicht bei Eisenbahnen und Kraftfahrlinien" unterließ. Er habe, sagt nun der ehemalige Verkehrsminister Caspar Einem, von zuwenig Personal gewußt. Genau jener Caspar Einem übrigens, der nach dem tragischen Tod des Schubhäftlings Marcus Omofuma erklärt hatte, in seiner Zeit als Innenminister von den Knebelungen gewußt zu haben.
Es gibt hierzulande offenbar eine gravierende Lücke zwischen Wissen und Handeln. In der aktuellen Spitzelaffäre hat man im Innenministerium ebenfalls spätestens seit der Festnahme mehrerer Detektive im Jahr 1996 wissen müssen, daß sich Personen mit Hilfe von Polizisten unerlaubt Daten aus den Akten der Exekutive besorgen. Und auch bei der Lassing-Tragödie stellte sich im nachhinein heraus, daß es immer wieder Klagen über die Arbeit der Bergbaubehörde gegeben hatte. Gehandelt hat man in all diesen Fällen nicht. Man hat es im besten Fall dabei belassen, auf das Problem hinzuweisen -gemäß der schlechten, alten österreichischen Manier, daß ein Problem als gelöst anzusehen ist, wenn man es nur einmal diskutiert hat.
Es bedarf offenbar immer erst eines Unglücks oder eines Skandals, damit man Mißstände hierzulande nicht mehr schulterzuckend zur Kenntnis nimmt.

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