Ganz die alte Wirtschaft (von Engelbert Washietl)

WirtschaftsBlatt-Ausgabe vom 15.11.2000

Wien (OTS) - In der Finanzwelt spielen sich geradezu klassische Flurbereinigungen ab. Die grosse Spekulation mit dem Superhandynetz UMTS (das sich dem Härtetest durch die Masse der Nutzer noch gar nicht stellen konnte) erzeugte zunächst einen Goldregen für den britischen und deutschen Finanzminister. In Österreich brachte die Versteigerung nur noch 11,4 Milliarden Schilling. Jetzt steckt die technologische Modernisierungsaktion in einer Schweizer Sackgasse:
Dort wurde die Notbremse gezogen und die Versteigerung abgeblasen, weil sie statt erwarteter 90 Milliarden Schilling wahrscheinlich nicht mehr als zwei ergeben hätte. Der unkritische Glaube an die New Economy, deren Säulen gerade in diesen Tagen zu wanken scheinen, hat also nicht nur Tausende Anleger ins Unglück gestürzt, er verwirrt auch die Hüter des Staatssäckels. Wenn sich zehn Unternehmen für die Versteigerung der vier Schweizer Lizenzen interessieren, am Tag der Versteigerung aber nur vier übrig sind, dann muss nicht mehr viel lizitiert werden. Etwas anders läuft die Telekom-Privatisierung via Börse. In Deutschland war die T-Aktie der dritten Ausgabetranche mit 65 Euro hoch angesetzt und dennoch attraktiv. Ihr heutiger Wert von nur noch 39 Euro vermittelt freilich vielen Anlegern das Gefühl, in eine Falle gelaufen zu sein. In Österreich wurde die Telekom-Aktie vorsichtshalber realistisch bewertet. Rechnet man aber beides zusammen den enttäuschenden Ausgang der UMTS-Versteigerung und den Telekom-Realismus, so könnten Finanzminister Grasser runde 30 Milliarden Schilling fehlen. Wenn sie nicht für den normalen Budgetbetrieb einschliesslich dem Ziel des Nulldefizits vorgesehen waren, so verzögert ihr Ausbleiben immerhin den Abbau der Staatsschulden. Also werden in Österreich zwar nicht die enttäuschten Anleger, wohl aber die Bürger zahlen, denen weitere Belastungen durch den Staat zugemutet werden müssen. Und dass ausgerechnet in Österreich die Handy-Tarife billiger werden, bloss weil die Handy-Konzerne wenig für die Lizenzen zahlten, glaubt wohl niemand. Ob man nun aus privater oder staatlicher Perspektive kalkuliert: Die New Economy funktioniert nicht wie ein Goldesel. Sie läuft so ab wie die Maschinen- und Eisenbahneuphorie im frühen Amerika. Erst nach dem Rausch liessen sich Gewinner, Verlierer, Seriöse und Gangster klar unterscheiden. (Schluss) was

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