Trügerische Sicherheit

Geschmacklose Suche nach den Schuldigen von Kaprun
(Von Reinhold Gruber)

Der erste Schock über das Unfassbare, das Unbegreifliche, die Unbarmherzigkeit des Schicksals ist vorbei. Begreifen können die meisten das Geschehene zwar auch drei Tage nach der Katastrophe in Kaprun nicht. Die Angehörigen, Freunde und Bekannten der 159 Todesopfer trauern und leiden und mit ihnen viele Menschen in diesem Land.
Anstatt still Einkehr zu halten, nachzudenken und erst dann zu reden, hat es nicht lange gedauert, bis die Frage nach den Schuldigen so laut gestellt wurde, dass sie niemand überhören konnte. Menschen, die psychisch an ihre Grenzen gehen mussten und bei den Bergungsarbeiten noch gehen müssen, waren plötzlich mit Anschuldigungen konfrontiert. Hat die Standseilbahn schon vor dem Tunnel gebrannt? Warum wurde sie nicht vorher angehalten? Warum waren keine Feuerlöscher an Bord? Warum sind die Türen nicht automatisch aufgegangen? Warum, warum, warum?

Es ist keine Frage, dass die Ursache einer derartigen Katastrophe ans Tageslicht gefördert werden muss. Schließlich gibt es in den alpinen Zentren in Mitteleuropa unzählige solcher Seilbahnen. Das Wissen über den oder die Auslöser des Flammeninfernos soll verhindern, dass es in Zukunft ein zweites Kaprun gibt. Aber schon Stunden nach dem Unglück, als die Leichen noch im Tunnel lagen und die Ungewissheit über die wahre Identität der Opfer Angehörige quälte, den oder die Schuldigen an den öffentlichen Pranger zu stellen, war geschmacklos. Zu wenig wissen wir alle, was den verheerenden Brand ausgelöst hat.
Es hat den Anschein, als würde mit der Suche nach der Schuld, die niemandem hilft, weil kein Mensch dadurch wieder lebendig wird, vom eigentlichen Thema abgelenkt. Warum werden Standseilbahnen wie jene in Kaprun gebaut? Es geht doch darum, möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit möglichst hoch in die alpine Bergwelt hinaufzubringen. Das Vergnügen Wintersport und die Sehnsucht nach noch besseren, attraktiveren Pisten, die möglichst das ganze Jahr über zur Verfügung stehen, sollen immer mehr Menschen befriedigen. Der Natur wird dabei genauso wenig Beachtung geschenkt wie der Technik, die die minutenschnelle Überbrückung von 2000 Höhenmetern garantiert.

Wenn sich dann eine technische Meisterleistung, als die die Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn galt, als fehlbar erweist, dann muss jemand dafür herhalten. Dieses Denken herrscht vor.
Wenn also jetzt schon von Schlamperei, einer ungenügenden Sicherheitsvorkehrung oder von einem Fehlverhalten eines Seilbahn-Bediensteten geredet wird, dann fragt man sich als Beobachter, was das soll. Wollen wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt? Oder können wir einfach nicht akzeptieren, dass der Mensch nicht in der Lage ist, sich über alle Naturgesetze hinwegzusetzen?
Katastrophen wird es leider immer geben. Jene von Kaprun ist aber dennoch außergewöhnlich. Weil sie jeden betroffen macht, der selbst einmal in einer vollgepferchten Seilbahn mitgefahren ist. In Seilbahnen, in denen immer das Risiko mitfährt.

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