DER STANDARD-Kommentar: "Die unvermeidbare Katastrophe - Das Unglück von Kaprun ist ein Fanal, das ein nächstes nicht verhindern wird" (von Otto Ranftl), Ausgabe vom 14.11.

Wien (OTS) - Was hätte ich gemacht? Noch bedrängt viele die Vorstellung, wie sie reagiert hätten, wären sie in der Gletscherbahn gewesen. Hätten sie es vermocht, ein Fenster einzuschlagen, wären sie zum richtigen Tunnelende geflüchtet - in Richtung Brandherd, am Feuer vorbei? Und wie erst, wäre man mit seinem Kind im Katastrophenzug gewesen.

Die Fahnen wurden auf Halbmast gesetzt, der Bundespräsident kam in den Stephansdom, Kanzler und Vizekanzlerin reisten in den Unglücksort, viele andere hochrangige Politiker erklärten ihre Betroffenheit, und zum offiziellen Trauerakt hat sich auch der deutsche Bundeskanzler angekündigt. Dem distanzierten Betrachter ein paar Hundert Kilometer entfernt mag das aufgesetzt vorkommen, mancher wird von der einen oder anderen Aussage vielleicht sogar unangenehm berührt gewesen sein. Dennoch: Es sind selbstverständliche Akte - und den Politikern ist nicht zum Vorwurf zu machen, dass sie etwas sagen, wenn sie gefragt werden. Wer sich daran stößt, soll sich die Frage vorlegen: Wie erst würde die (Medien-)Öffentlichkeit reagieren, würde die Staatsspitze sich anders verhalten? Wäre da nicht schnell von Ignoranz die Rede?

Schulterschluss

Konfliktträchtige politische Debatten im Parlament und im Wiener Landtag wurden am Montag abgesetzt. Gegenüber einer Katastrophe soll nicht gestritten werden, wir erleben so etwas wie einen Schulterschluss gegen die Naturgewalten. Dies kann - naturgemäß -nicht von langer Dauer sein. Und es darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land recht schnell wieder vom so genannten Alltag eingeholt werden wird.

Die Kameraobjektive wurden jetzt auf die Tränen der Hinterbliebenen scharf gestellt - die Angehörigen werden mit ihrem Schmerz bald alleine sein. Andere Probleme werden rasch in den Vordergrund treten, jene der betroffenen Region. Auch wenn derzeit allenthalben versichert wird, es sei pietätlos, sich so kurze Zeit nach dieser Katastrophe schon damit zu beschäftigen.

Es muss weitergehen, lautet einer der Sätze, die Trauernden gerne gesagt werden, im hilflosen Versuch, sie aufzurichten. Das gilt ebenso für die Menschen, die in der Region Kaprun vom Fremdenverkehr leben. Die Lawinenkatastrophe von Galtür in Tirol ist uns noch in Erinnerung, und wir sehen heute, dass es möglich ist, den Tourismus behutsam wieder in Gang zu bringen.

Der vielfache Tod im Tunnel, die Vorstellung, einem solchen Ereignis kaum entrinnen zu können: Das wird noch lange in den Gehirnen der Menschen präsent sein. Und doch werden die Ängste einer Nüchternheit weichen, die heute zu beschreiben an Zynismus grenzt: Trotz aller Berichte über Abstürze steigen immer mehr Menschen in Flugzeuge ein, und schon bald, wenn die Wunde von Kaprun noch kaum vernarbt ist, werden wir daran erinnert werden, dass die Unfallwahrscheinlichkeit im Straßenverkehr ungleich höher ist.

Und schließlich werden wir uns einer brutalen Erkenntnis stellen müssen: Je dichter die Alpen erschlossen werden, umso mehr Menschen werden die Angebote nützen - und wenn sich zunehmend mehr Menschen der scheinbaren Zuverlässigkeit der Technik anvertrauen, dann muss bei einem Unfall auch die Zahl der Opfer steigen.

Warum gerade mein Kind, warum mein Mann, warum meine Familie? Diese nicht zu beantwortende Frage der Hinterbliebenen ist davon unberührt. Keine Statistik, keine Wahrscheinlichkeitsrechnung bietet hier Hilfe. Die Frage, ob alle technisch machbaren Sicherheitseinrichtungen geschaffen wurden, ist eine andere Frage. Sie ist ohne falsche Rücksichtnahme zu stellen, und falls sie mit Nein beantwortet werden muss, werden die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen sein. Fatal ist, dass diese Frage immer erst hinterher gestellt wird. Schlimmer noch ist, dass wir zwar aus Katastrophen lernen können -eine nächste jedoch wieder nicht zu verhindern wissen.

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