ARGE-ÄrztInnen: Gesundheit und Arbeitsplätze gefährdet

Den Zug in Richtung Zwei-Klassen-Medizin aufhalten

Wien (ÖGB). "Wenn es zu keinem radikalen Schwenk in der derzeitigen Gesundheitspolitik kommt, sind viele Arbeitsplätze und die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung in Gefahr", warnte der Vorsitzende der ARGE-ÄrztInnen im ÖGB, Prim. Dr. Georg Gaul, bei einer Pressekonferenz im Rahmen der ÖGB-Veranstaltung "Gesundheitsreform - Sind unsere Arbeitsplätze gefährdet?"++++

Die derzeitige Regierung wolle das durchaus bewährte österreichische Gesundheitssystem mit untauglichen Mitteln umkrempeln. Ein Beispiel dafür sei die Einführung der Ambulanzgebühren. Gaul: "Damit sollen die PatientInnen zu den niedergelassenen ÄrztInnen umgelenkt werden. Ob es in diesem Bereich genügend richtig ausgebildete ÄrztInnen gibt, ob die notwendigen technischen Geräte vorhanden sind und ob unbedingt notwendige Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden oder bezahlt werden können, wurde offensichtlich nicht überlegt. ‚speed kills’ lässt grüßen."

Die Folgen dieser eingeleiteten Entwicklung könnten vor allem für die PatientInnen fatal sein. Gaul: "PrivatärztInnen verlangen für bestimmte Leistungen Aufzahlungen, da diese die Krankenkassen nicht bezahlen. Die Aufzahlungen wiederum können sich sozial Schwache nicht leisten. Damit wären wir mitten in der Zwei-Klassen-Medizin." Der ARGE-ÄrztInnen-Vorsitzende warnte aber noch vor einer anderen Entwicklung: Während sich niedergelassene ÄrztInnen teure Geräte neu anschaffen würden, wären gleichwertige Geräte in den Spitälern nicht mehr ausgelastet. Gaul: "Kranke werden dadurch zusätzlich zur Kasse gebeten, und in den Spitälern sind Arbeitsplätze gefährdet."

Sorgen bereitet dem ARGE-ÄrztInnen-Vorsitzenden aber auch eine andere Entwicklung. Der zuständige Gesundheitsstaatsseketär hat angekündigt, dass 10.000 von 52.000 Akutbetten abgebaut bzw. in sogenannte Pflegebetten umgewandelt werden sollten. Gaul: "Haben wir dafür die entsprechende Struktur des Gesundheitswesens?" Für ihn ist die Antwort eindeutig: "Nein!"

Das österreichische Gesundheitswesen leide vor allem an seiner föderalen Struktur. Gaul: "Jeder Landes- oder Bezirkskaiser hält sich seine Krankenhäuser. Untragbare Zustände für ÄrztInnen, Pflegepersonal und PatientInnen in manchen dieser Häuser - siehe Freistadt - sind die Folge. Daran will niemand rütteln." Der ARGE-ÄrztInnen-Vorsitzende fordert daher eine grundlegende Änderung dieser Struktur. Gaul: "Die Struktur muss sich nach dem Bedarf und nicht nach der Landes- oder Bezirksgrenze richten. Wir brauchen ein von der Kompetenz und den medizinischen Möglichkeiten abgestuftes Gesundheitssystem. Dazu zählen Akutversorgungs-, Intensivbehandlungs-und Nachversorgungs- und Pflegezentren einzurichten. Ein gut organisiertes Rettungswesen mit bestens ausgebildeten SanitäterInnen hat für den Transport zwischen diesen Zentren zu sorgen."

Für den ARGE-ÄrztInnen-Vorsitzenden ist klar, dass nur die neue Struktur teilweise eklatante Mangel und gefährliche Zustände beseitigen könne. Gaul fordert die Aufhebung der Rufbereitschaft, die Einhaltung des ÄrztInnenarbeitszeitgesetzes, das Verbot LeihärztInnen und reine NachtärztInnen einzusetzen.

Weitere ungelöste Probleme sieht der ARGE-ÄrztInnen-Vorsitzende darin, dass eine immer bessere medizinische Versorgung der älter werdenden Bevölkerung möglich ist, und andererseits im wissenschaftlich gesicherten Druck, gewisse Therapieformen einzusetzen. Gaul: "Das bedeutet aber mehr Arbeit, mehr Personal und damit mehr Kosten." Gaul abschließend: "Wir ÄrztInnen kommen daher immer öfters in Teufels Küche. Mehr Arbeit, weniger Personal, ständige Anpassung der Behandlungsmethoden und die Dokumentationspflicht. Das ist, verbunden mit der derzeitigen Gesundheitspolitik weder insgesamt noch für den Einzelnen zu schaffen."(ff)

ÖGB, 13. November 2000
Nr. 953

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