Das Unfassbare ist gegenwärtig

Oft lösen Banalitäten die größten Katastrophen aus
(Von Hans Köppl)

Erfüllt von Schmerz und Trauer nehmen wir das Geschehen auf dem Kitzsteinhorn wahr. Die Katastrophe im Tunnel der Bergbahn, die 155 Menschen, die sich auf ein unbeschwertes Freizeitvergnügen gefreut hatten, in den Tod riss, führt uns beklemmend vor Augen, dass das Unfassbare allgegenwärtig ist. Neuester Sicherheitsstandard, ordnungsgemäße Wartung, einwandfreies Funktionieren seit Aufnahme des Betriebs Ð Umstände, die allesamt das Gefühl der Sicherheit vermitteln, werden von der Tatsache weggewischt, dass für undenkbar Gehaltenes eingetreten ist.
Wie konnte es geschehen? Die Frage nach der Ursache des Unglücks, wer die Verantwortung dafür trägt, kann vorerst nicht beantwortet werden. Selbst dann aber, wenn all das geklärt ist, wird ein Gefühl des Ausgeliefertseins zurückbleiben: Immer können Umstände eintreten, die aus einer Banalität eine Katastrophe werden lassen. Es gibt keine Garantie dafür, dass nichts passieren kann, weil noch nie etwas passiert ist.
Beinahe täglich erreichen uns Nachrichten von Katastrophen, Unfällen, Verheerungen, menschlichen Tragödien. Vieles davon registrieren wir mechanisch, um im nächsten Augenblick wieder zur Tagesordnung überzugehen. Auf manches reagieren wir geschockt, weil es uns als ein singuläres Ereignis erscheint, der Absturz der Concorde etwa, oder die tödliche Panik auf dem Berg Isel. Die regelmäßig veröffentlichten Statistiken über die Zahl der Verkehrstoten berühren die meisten schon gar nicht mehr. Der Tod als abstrakte Zahl, mit der wir umgehen wie mit anderen Statistiken auch.

Die Katastrophe vom Kitzsteinhorn erschüttert uns deshalb so sehr, weil hier nicht selbst eingegangenes Risiko mitbeteiligt ist. Im Vergleich zu einer Schwebeseilbahn gilt eine schienengeführte Bergbahn als so gut wie ungefährlich. Jedenfalls nach den allerneuesten Sicherheitsstandards. Ein mulmiges Gefühl hat manche immer schon beschlichen, die durch den Stollen auf den Gletscher befördert wurden. Seit dem Brandunfall im Tauerntunnel haben mehr Menschen denn je ein flaues Gefühl, sobald sie von der Röhre eingeschlossen sind. Auch nach der Aufarbeitung von Unglücksursachen, und nachdem nachträglich neue und zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, bleibt ein Restrisiko bestehen.

Das Unglück auf dem Kitzsteinhorn hat nicht nur 155 Menschen das Leben gekostet, es stürzt auch eine ungleich größere Zahl von Menschen in Leid und Verzweiflung. Angehörige, die völlig unerwartet mit der Erkenntnis von Auslöschung und Unwiederbringlichkeit konfrontiert sind. Die sofort organisierte psychologische Betreuung kann nur eine vorübergehende Hilfe sein.
Das Unglück bedeutet aber auch einen noch nicht annähernd bemessbaren Schaden für die Region und die Menschen, die dort vom Tourismus leben. Es wird auch nach Jahren noch einen Schatten auf Kaprun werfen. Im Sinne aller Betroffenen, der psychischen wie der ökonomischen Bewältigung des Geschehenen, kann es nur sein, auf eine zweifelsfreie Klärung der Unglücksursache zu hoffen.

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