"Die Presse"-Kommentar: "Kaprun" (von Hans Werner Scheidl)

Ausgabe vom 13.11.2000

WIEN (OTS). Es sollte ein Abstecher ins absolute Skifahrer-Glück werden, die
Fahrt am Samstagmorgen von Kaprun aufs Kitzsteinhorn. Der erste Schnee des Jahres in gleißendem Sonnenschein lockte. Die Bergfahrt hinauf in die lichten Höhen des Gletschers wandelte sich nach wenigen Minuten zur größten Katastrophe, die Österreich seit den Tagen des Krieges zu verzeichnen hat.
Wie beim Grubeneinbruch im Talkbergbau zu Lassing, beim Lawinenunglück im Paznauntal oder beim Absturz der lichterloh brennenden Concorde-Maschine ist es die schiere Unausweichlichkeit, die Ohnmacht der eingeschlossenen Opfer, die betroffen macht. Und zweitens ist es die überfallsartige Schnelligkeit, mit der bei all diesen Ereignissen der Tod die Sichel schwang.
Für sehr viele Österreicher war dieses Wochenende ein Allerseelen im Nachhinein. Die schwarz beflaggten öffentlichen Gebäude, die Staatsfahnen auf Halbmast - sie waren der äußerliche Ausdruck für das, was dieses Land seit Samstag niederdrückt: Angst um die eigenen Familienangehörigen, um Bekannte, um Freunde; Ohnmacht angesichts dieses Flammeninfernos, das da plötzlich - aus noch ungeklärter Ursache _ mehr als 150 Freizeitsportler vernichtete. Viele von ihnen hatten sich noch kurz zuvor bei ihren Angehörigen gemeldet, einen kurzen flüchtigen Gruß per Handy geschickt, während sie voll der Vorfreude auf das große Glück am Berg mit den Gedanken ganz woanders waren. Keiner hat gewußt, daß sich wenige Minuten danach sein Leben erfüllt haben würde.
Kaprun. Für die jüngere Generation wird dieser Begriff ab nun - wohl auf sehr lange Zeit _ mit dem größten Unglück verbunden bleiben, das sich in Österreich ereignete. Für die Generation des Wiederaufbaues nach 1945 verband sich mit dem Wort etwas ganz anderes: Der Stolz auf eine technische Großleistung, die ihresgleichen suchte: Der Bau der drei Talsperren zur Stromgewinnung war ein wahres Heldenepos der Nachkriegsgeschichte, eine kühne Ingenieurleistung, die auch dem Ausland Respekt abverlangte, weil das Werk unter unglaublichen Gefahren in extremer Witterung vonstatten ging.
Erst sehr viel später gelang dem menschlichen Erfindergeist die Erschließung dieses Gletschergebietes zur Freizeitarena. Zu einer wirklich prächtigen, die Millionen von Skibegeisterten zu jenem Glück verhalf, das sich am Samstag so jäh ins Gegenteil verkehrte. Wir wissen vorläufig so gut wie nichts über die Ursache, die zu dem Inferno im Tunnel der Standseilbahn geführt hat. Technisches Gebrechen, Leichtsinn, Schlamperei, unabwägbare Verkettung mehrerer Umstände _ das herauszufinden wird ein mühseliges Unterfangen der zahlreichen Experten werden, die noch am Samstag zu der Unglücksstelle geeilt waren. Das kann Wochen und Monate dauern. Daher sind auch irgendwelche Schuldzuweisungen beim derzeitigen Stand der Dinge völlig verfrüht und nicht am Platze. Die aus ganz Europa eingeflogenen Medienvertreter mögen mit ihren Theorien und Spekulationen noch so schnell bei der Hand sein - seriöserweise müssen sie ihre Kundschaft schlecht bedienen. Denn das Ausmaß der Katastrophe wird zwar die Kamerateams aus aller Welt zu "Höchstleistungen" in der Dokumentation des Leids der Angehörigen beflügeln, Ruhm ist damit keiner verbunden.
Nein. Das einzige, was zu tun ist in diesem Augenblick, das ist Innehalten, Besinnen auf die Vergänglichkeit, Mitfühlen mit den so schwer getroffenen Familien. Jedem von uns schlägt die Stunde, es kann plötzlich kommen wie am Samstag, es muß nicht so gräßlich erfolgen wie am Kitzsteinhorn. Unter dem niederschmetternden Eindruck dieses Wochenendes sein eigenes Leben ein bißchen "justiert" zu haben, das wäre schon was.

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