FORMAT: Gerd Bacher: "Teilprivatsierung des ORF wäre lebesgefährlich."

Bacher über Dichand: "Der alte Medienfuchs wittert Konjunktur seiner Wünsche."

Wien (OTS) - Im neuen FORMAT nimmt ORF-Ex-Generalintendant Gerd Bacher, der am 18. November 75 wird, zu Ideen der Regierungsparteien bezüglich einer Teilprivatisierung des ORF (Privatsierung von ORF 1) Stellung: "In der erwogenen Teilprivatisierung des ORF sehe ich eine Gefahr. Ja ich halte diese Idee sogar für lebensgefährlich. Ich habe die öffentlich-rechtlichen Anstalten immer davor gewarnt, sich den kommerziellen Sendern bis zur Unterschiedslosigkeit und Unkenntlichkeit anzunähern. Ich betrachtete das stets als Selbstmord öffentlich-rechtlicher Programmpolitik. Und je ungehemmter man sich auf den Markt konzentriert, je sorgloser man davon ausgeht, daß der Spagat zwischen Aufgabe und Quote eine dauerhafte Lebensstellung sei, desto eher provoziert man solche Privatisierungs-Ambitionen und muß solche befürchten - Und wenn zum Beispiel der imponierende Altfuchs Hans Dichand über dieses Thema in der "Kronen Zeitung" schreibt - und zwar in seiner Kolumne "Von besonderer Seite", bei der man immer gleich weiß, da ist Gefahr in Verzug - , dann tut er das sicher, weil er eine Konjunktur für seine Wünsche spürt. Der Hans Dichand ist immerhin einer jenen Leute, die mit dem denkbar besten medialen Geruchssinn ausgestattet sind - Aber dieses Thema tangiert ja nicht nur das Fernseh-, sondern auch das Radioprogramm. Daß man ein Programm so gezielt vertrottelt, wie das mit Ö3 geschah, ist ja geradezu die Einladung zur Amputation des Öffentlich-rechtlichen. Da fragt man sich: Was haben die Leute strategisch im Sinn?"

Das Talk-Show-Fernsehen kommentiert der leidenschaftlichste Repräsentant des öffentlich-rechtlichen Fernsehens wie folgt: "Ich halte es für eine zivilisatorische Geisteskrankheit, die in ganz Europa ausgebrochen ist. Erfunden haben dieses elektronische BSE wie alles diesbezüglich Grauenhafte die Amerikaner. Dort konnte man sich ja schon vor fünfzig Jahren vor Talkshows fürchten. Jetzt ist das eins zu eins von uns übernommen worden. Der gesellschaftliche und massendidaktische Sinn besteht offensichtlich darin, auch dem Deppertsten ausreichendes Selbstbewußtsein zu verleihen, Unsinnigstes im Fernsehen zu Gehör zu bringen."

Über das rezente Phänomen des Reality-TV a la "Taxi Orange" sagt Bacher: "All denjenigen, die bei dieser Mode mittun, sei Sigmund Freuds Diktum gewidmet: "Schamlosigkeit ist ein Zeichen von Schwachsinn."

Auch zu Polit-Interventionen beim ORF nimmt Bacher in FORMAT Stellung: "So etwas hängt mit der Autorität des Hauses zusammen. Und mit der Erziehung der Politiker - Mir selbst war es ja immer am liebsten, wenn die Parteisekretäre mich und nicht die Chefredakteure angerufen haben. Und schon gar nicht die Redakteure. Meine erste interne Mitteilung an die Informations-Abteilung lautete, man möge Interventionen nicht zur Kenntnis nehmen und die Intervenierenden an mich verweisen. Und da ich mit einem gewissen Maß an Autorität ausgestattet bin, haben sich die meisten Interventionisten gar nicht getraut, mir mit derlei Zumutungen zu kommen - Dazu muß man aber auch sagen, daß die Informationsabteilung damals von Persönlichkeiten getragen wurde, die ein unglaubliches Eigengewicht hatten. Man hat sich mit einem Alfons Dalma, man hat sich mit einem Franz Kreuzer nicht so umzugehen getraut, wie das heute bei anderen mitunter der Fall ist. Die Verwandlung des Redakteurs zum Telefonfräulein hat bei mir jedenfalls nicht stattgefunden."

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