"kreuz&quer": Die Synagoge war mir Heimstätte

ORF-Dokumentation zur Wiedererrichtung der Grazer Synagoge am 14. November in ORF 2

Wien (OTS) - Die Synagoge am Grazer Grieskai wurde 1892 erbaut und 1938 zerstört. Donnerstag, 9. November 2000: 62 Jahre nach der Reichspogromnacht wird der steirischen Kultusgemeinde ihre Synagoge zurückgegeben. Graz, die Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2003, beging am 9. November 2000 einen sensiblen und wohl auch verspäteten Festakt. "Die Synagoge war mir Heimstätte", sagt Fred Herzog, Sohn des letzten Oberrabbiners von Graz in dem gleichnamigen Film von Regina Strassegger. Gestern Abend, am Donnerstag, dem 9. November 2000, bat die "kreuz&quer"-Redaktion unter Religionschef Gerhard Klein im Rahmen der Feierlichkeiten auf die Probebühne des Grazer Schauspielhauses und präsentierte die Dokumentation "Die Synagoge war mir Heimstätte". Der ORF-Film ist eine emotionelle, beinahe therapeutische Zeitreise; auch weil die noch lebenden jüdischen Zeitzeugen aus Graz - es sind wenige und über die Kontinente verstreut - bisher kaum öffentlich über das Erlittene geredet haben. "Zu den Aufgaben des Fernsehens gehören Information und Dokumentation, gehört auch der Versuch, an das Ausmaß von Schrecken und Barbarei zu erinnern. Als Abteilung Religion können wir aber nicht beim bloßen Vergegenwärtigen historischer Tatsächlichkeiten stehen bleiben", so ORF-Religionschef Gerhard Klein. "Uns geht es darüber hinaus um eine Form des Erinnerns, die gemeinsame Trauer ermöglicht - Trauer über den Verlust der Menschlichkeit, Trauer als Aushalten des Sinnlosen. Und ein Gedenken bewahren, so gut wie wir es mit unserem Medium vermögen, das empfinden wir als unsere Aufgabe." Als Einstimmung wurde bei der Präsentation der Experimentalfilm "Chamud/Liebling" von Ruth Anderwald und Leonhard Grond gezeigt, der mit Unterstützung des David-Herzog-Fonds entstand. Der Streifen wurde eigens für diesen Abend produziert und ist eine Liebeserklärung an Israel. Das Interesse an beiden Filmen war groß, unter den zahlreich erschienenen Gästen waren Diözesanbischof Dr. Johann Weber, der Grazer Bürgermeister Alfred Stingl, Altlandeshauptmann Josef Krainer und Kurt Brühl, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Graz. Auch ORF-Landesintenant Edgar Sterbenz, Caritas-Präsident Franz Küberl und einige eigens angereiste Zeitzeugen, die auch in der Dokumentation zu Wort kommen, zeigten sich beeindruckt. Der ORF zeigt "Die Synagoge war mir Heimstätte" am Dienstag, dem 14. November, um 23.05 Uhr in ORF 2.
Der Film ist eine Nahaufnahme der Zeitspanne: 1892, 1938, 2000, der Eckdaten der Grazer Synagoge: errichtet, niedergebrannt, wiedererrichtet. Die Dokumentaristin Regina Strassegger geht der Frage nach, was den Betroffenen, den Juden im In- und Ausland, die Rückgabe einer Synagoge nach so vielen Jahren bedeutet? Und sie versucht in ihrem Film zu ergründen, wie es den zur Synagogen-Eröffnung geladenen jüdischen Gästen geht, wenn sie in die Stadt ihrer Kindheit und Jugend zurückkehren, in jene Stadt, aus der sie vertrieben wurden oder flüchten mussten. Unterstützt wurde Strassegger bei ihrer Arbeit von Dr. Harald Baloch, dem Berater für Kunst und Wissenschaft des Diözesanbischofs Weber. Kann es angesichts der Gräuel des Jahres 1938 so etwas wie Versöhnung oder Verzeihen geben? Fred Herzog zum Beispiel lebt heute in Chicago. Während der 93-Jährige in dem Film spricht, wird sein Blick immer wässriger. Bilder von damals tauchen wieder auf, als der betagte Vater vom Nazi-Mob in der Reichspogromnacht misshandelt wurde, als man ihn sogar in die brennende Synagoge werfen wollte. Schmerzliche Erinnerungen, die sich tief eingebrannt haben. Fred Herzog und viele der heute noch lebenden Grazer Juden reden nur ungern über das Geschehene von damals. Zu aufwühlend, zu schmerzlich ist das alles noch. So sah sich der alte Mann auch emotionell und physisch nicht in der Lage, zum Festakt der Wiedererrichtung der Grazer Synagoge zu kommen.

Auch Österreich 1 gedenkt der Wiedererrichtung der Synagoge in Graz, unter anderem am Sonntag, dem 12. November, in der Sendung "Erfüllte Zeit: Über die falsche und richtige Gesinnung" um 7.05 Uhr.

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