OeNB: Gouverneur Dr. Liebscher: Bessere Nutzung des Potenzials des Euroraumes durch koordinierte Wirtschaftspolitik und weitere Strukturreformen

Wien (OTS) - Auf einer Veranstaltung der Wirtschaftskammer Oberösterreich beleuchtete Gouverneur Dr. Liebscher die Chancen und das Potenzial des Euro-Währungsgebietes im verschärften internationalen Wettbewerb.

Der Euro habe sich bereits als eine der führenden internationalen Währungen etabliert, habe dem Euroraum zu hoher Preisstabilität verholfen und den notwendigen Konsolidierungsprozess bei den öffentlichen Finanzen entscheidend vorangetrieben. Zudem werde der Euro spätestens mit der Einführung der Banknoten und Münzen im Jahr 2002 die europäische Identität in der Bevölkerung nachhaltig zu heben vermögen.

Gouverneur Liebscher ging auf die jüngsten Wechselkursentwicklungen ein und meinte, dass man den Erfolg des Euro nicht primär an seinem Außenwert - insbesondere zu einem sehr starken US-Dollar - messen dürfe. "In diesem Kontext bin ich nach wie vor der Meinung, dass der Euro - gemessen an seinem Potenzial - unterbewertet ist. Wie Sie wissen, spielen an den internationalen Finanzmärkten neben realwirtschaftlichen Fundamentaldaten auch psychologische Faktoren eine wesentliche Rolle", so der Gouverneur. Wichtig sei, dass die Europäischen Zentralbank (EZB) unabhängig von politischen Einflüssen auftrete und ihr vorrangiges Ziel - nämlich die Preise stabil und damit die Kaufkraft hoch zu halten - unbeirrt verfolge und auch erreicht habe.

Um das Potenzial der Währungsunion voll nutzen zu können, so Gouverneur Liebscher weiter, bedürfe es einer starken wirtschaftspolitischen Koordination der Euro-Teilnehmerstaaten und eines ausgewogenen Policy-Mix. Im Zentrum dieser Anstrengungen stünde zweifelsohne die energische Fortführung der Budgetkonsolidierung gemäß dem Stabilitäts- und Wachstumspakt, der nahezu ausgeglichene Budgets bzw. Budgetüberschüsse verlange. "In diesem Sinne ist auch die österreichische Bundesregierung bestrebt, bis zum Jahr 2002 das gesamtstaatliche Defizit auf Null zu senken", was Gouverneur Liebscher sehr begrüßt. Er mahnte, dass einerseits die gegenwärtig gute Konjunkturlage und andererseits die vor allem auf Grund der demographischen Entwicklung zu erwartenden Belastungen (z.B. im Bereich der Altersvorsorge) den Euro-Teilnehmerstaaten keinen weiteren Aufschub ihrer fiskalischen Konsolidierungsmaßnahmen erlaubten.

Die jüngsten Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum seien nämlich durchaus positiv, so der Gouverneur. "Im Allgemeinen wird für dieses Jahr eine - insbesondere exportinduzierte -Beschleunigung des BIP-Wachstums auf über 3,5 % erwartet. Auch für 2001 und 2002 wird in der Regel ein Wachstum von nahe 3% prognostiziert." Entscheidend für dieses positive Szenario sei jedoch, dass die auf Grund der Rohölpreis- und Euro-Wechselkursentwicklung gestiegen Inflationsrate nicht zu übermäßigen Lohnabschlüssen und Preiserhöhungen führe. Andernfalls könnte es, warnte der Gouverneur, in der Preisdynamik zu inflationstreibenden Zweitrundeneffekten kommen, die eine entsprechende geldpolitische Gegensteuerung bedingen würde.

Gouverneur Liebscher ging auch auf die Frage ein, ob es eine "New Economy" im Euroraum gebe. Er hielt zunächst fest, dass - wie sich in den Vereinigten Staaten beobachten lasse - die "New Economy" von einer Steigerung des Potenzialwachstums und einem Rückgang der strukturellen Arbeitslosigkeit geprägt sei. Im Zusammenspiel dieser beiden Kräfte sollten eine höhere Wirtschaftsleistung und höhere Beschäftigung möglich werden, ohne dass gleichzeitig der Inflationsdruck steige.

Gouverneur Liebscher zeigte sich überzeugt, dass Europa - gleich den USA - genügend Substanz für eine "New Economy" habe, vorausgesetzt, dass die politisch Verantwortlichen zu weiteren strukturellen Reformen und einer verbesserten wirtschaftspolitischen Koordination bereit sind. Insbesondere müsste im Euroraum trotz aller bereits erzielten Fortschritte noch energischer versucht werden, vorhandene Rigiditäten auf den Arbeits-, Güter- und Dienstleistungsmärkten zu beseitigen, die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien effizienter zu nutzen, zukunftsträchtige Wirtschaftssektoren durch liberale Rahmenbedingungen und einem erleichterten Zugang zur Forschung zu fördern, ein unternehmerfreundlicheres Umfeld - auch durch Abbau von Bürokratie - zu schaffen sowie die Effizienz der Finanzmärkte, und hier insbesondere der Risikokapitalmärkte, zu verbessern. Mit all diesen Maßnahmen könne die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Eurogebietes und damit Wachstum und Beschäftigung nachhaltig gesichert werden.

Der Gouverneur unterstrich abschließend, dass der Euro und die einheitliche europäische Geldpolitik jedenfalls ihren Beitrag leisten würden, um das Potenzial dieses großen europäischen Wirtschaftsraumes im globalen Wettbewerb bestmöglich zu nützen.

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