"Neue Zeit" Kommentar: "Mahnmal" (von Josef Riedler)

Ausgabe vom 10. 11. 2000

Graz (OTS) - Spät ist besser als nie, wenn es um das Bekenntnis
von Schuld und Wahrheit geht. Fast ein Menschenleben hat es gedauert, bis eine Stadt in Österreich den wenigen Überlebendenden, den wenigen Nachfahren der Opfer des größten Verbrechens in diesem Land ihr Gotteshaus wieder gegeben hat. In jene Synagoge, die vom Hitler-Mob in der Pogromnacht 1938 ausgeraubt und niedergebrannt worden war, kann keiner unserer jüdischen Mitbürger mehr einziehen. Nur ein paar Steine in den neuen Mauern erinnern noch an die Zeit vor dem großen Wahnsinn, dem Millionen Unschuldige zum Opfer gefallen sind. Bei der Eröffnung der Synagoge meinte ein Redner, mit ihrer Übergabe sei symbolisch auch die Bitte um Verzeihung für das verbunden, was in diesem Land den Juden angetan worden ist. Doch wer könnte im Namen der Millionen Mordopfer, der Kinder, der Frauen und Männer, den Tätern vergeben? Dieses Recht hat kein Lebender. Und kein Lebender, gerade dann, wenn er kein Jude ist, hat das Recht, zu vergessen. Für gläubige Juden ist die neue Synagoge von Graz ihr Gotteshaus. Allen Menschen aber muss sie Mahnmal für alle Zeiten sein.

Bundeskanzler Schüssel hat gerade vor dem Gedenken an die brennenden Synagogen das entsetzliche Wort von "Österrreich, dem ersten Naziopfer" gebraucht. Wir hoffen mit Zuversicht, dass er sich bei den wahren Opfern dafür entschuldigt. Eine solch ehrliche Entschuldigung sollte angenommen werden.

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