Neue Lehrberufe als Zugpferde der Lehrlingsausbildung

Leitl: Modernisierung und Flexibilisierung der Berufsausbildung dringend notwendig

Wien (PWK960) - " Die Zahlen der eingelangten Lehrverträge per
Ende Oktober bestätigen eindrucksvoll den bereits seit Ende Juni konstanten Aufwärtstrend auf dem Lehrstellenmarkt. Mit einem Plus von fast fünf Prozent mehr Lehrverträgen gegenüber Oktober 1999 setzen die Betriebe ein deutliches Signal ihrer Bereitschaft, Jugendlichen wieder mehr Ausbildungsmöglichkeiten zu bieten. Das ist ein Erfolg für die Wirtschaftskammer, die langjährige Forderungen nach verbesserten Rahmenbedingungen für die Ausbildungsbetriebe durchgesetzt hat", betont WKÖ-Präsident Christoph Leitl anlässlich der aktuellen Lehrvertragszahlen. "Fünf Prozent mehr Lehrverträge und über 2.000 zusätzliche Ausbildungsbetriebe seit drei Jahren beweisen, dass die Abschaffung sündteurer Auffangnetze durch die Regierung eine richtige Entscheidung war. Darüber hinaus liegt die Zahl der Lehrstellensuchenden mit 1.145 nach der AMS-Statistik Ende Oktober so niedrig wie schon lange nicht."

"Wir müssen diese positive Entwicklung des Lehrstellenmarktes und der dualen Berufsausbildung angesichts des drohenden Mangels von geschätzten 10.000 bis 13.000 Fachkräften pro Jahr fortsetzen", so Leitl, "dazu sind allerdings für die Zukunft dringend neue Maßnahmen zur Modernisierung und gleichzeitig Flexibilisierung der Lehre notwendig." Wie erfolgreich solche Maßnahmen sind, zeigen die neuen Lehrberufe bzw die modernisierten Lehrberufe. In den 39 seit 1997 neu geschaffenen Lehrberufen gibt es per Ende Oktober 2000 bereits 5.751 Lehrverhältnisse. Spitzenreiter dabei sind die neu geschaffenen Lehrberufe im EDV-Bereich, die entsprechend dem Bedarf der Wirtschaft stark nachgefragt sind. Deutlich zugenommen haben auch die IT-Bereiche sowie die neu geschaffenen Berufe im industriellen High-Tech-Bereich wie Mechatronik, Informatik, Zerspanungstechnik , Mediendesign und Medientechnik.

Die Wirtschaftskammer verlangt angesichts der raschen Veränderungen und der neuen Anforderungen die rasche Umsetzung eines 3-Punkteprogrammes, um den Betrieben die Ausbildung ihrer Fachkräfte zu erleichtern. "Starre Berufsbilder sind in einer Zeit dynamischer Wirtschaftsentwicklungen kontraproduktiv und verhindern die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmer", stellt Leitl fest. "Hier ist Handlungsbedarf bei der Gestaltung der Berufsbilder gegeben. Unser Modell lautet Modularisierung. Es beinhaltet ein verpflichtendes Basismodul, das rund zwei Drittel der Berufsbildinhalte als obligate Mindestanforderung vorsieht. Das Basismodul wird mit Wahlpflichtmodulen kombiniert, die von den Betrieben je nach ihrer Spezialisierung ausgesucht werden können. Größter Vorteil dieses flexiblen Modulsystems ist die raschere Anpassung an neue wirtschaftliche und technische Gegebenheiten sowie die Möglichkeit, auf Unternehmensspezifika einzugehen. Nicht zuletzt können mit diesem System vor allem die Fähigkeiten und Interessen der Jugendlichen besser mit den Anforderungen der Berufswelt vernetzt und das Talentepotential optimaler genutzt werden", so Leitl. "Ausbildungsordnungen noch stärker als bisher auf Mindestanforderungen zu konzentrieren und die Spielräume für die Ausgestaltung im einzelnen Betrieb zu erweitern, ist unser Ziel für die Zukunft der dualen Berufsausbildung und dafür wird sich die Wirtschaftskammerorganisation auch weiterhin einsetzen."

Ebenso vordringlich wie die Modernisierung ist die Forderung nach der Übernahme der Berufsschulkosten durch den Bund und die Refundierung der Internatskosten durch die Länder. "Die Kosten für den Besuch von Bildungseinrichtungen des Sekundarbereiches werden grundsätzlich von der öffentlichen Hand übernommen. Wir fordern hier eine Gleichstellung der Berufsschüler mit jedem anderen Schüler, indem die Lehrlingsentschädigung, die der Betrieb auch während der Zeit des Berufsschulbesuches trägt, durch den Bund übernommen wird. Bei der Übernahme der Internatskosten durch die Länder handelt es sich um eine Gleichstellung für alle Ausbildungsbetriebe, da es nicht einzusehen ist, dass es quer über das Bundesgebiet regionale Unterschiede bei den Kosten für den Lehrling aufgrund organisatorischer Probleme im Berufsschulsektor geben soll. Der sogenannte "Berufsschulscheck" sollte den Ausbildungsbetrieben symbolisch direkt übergeben werden", fordert der Wirtschaftskammerpräsident. Zusätzlich erwartet sich die Wirtschaft eine höhere Flexibilität bei der Gestaltung des Berufsschulbesuches. So sollen Lehrlinge die Wahl haben können, von einem Bundesland ins andere zu wechseln oder auch ins Ausland zu gehen.

Mehr Engagement fordert Leitl bei der Berufsberatung der Jugendlichen. "Die Jugendlichen sollen wissen, welche Berufe sind in, welche out, welche Branchen wachsen schnell und bieten gute Einkommenschancen bereits in jungen Jahren, welche Modeberufe sind überlaufen, welche sind ein Geheimtipp. Die WKÖ hat als Start dazu erst kürzlich eine neue homepage zur Berufsinformation eingerichtet. Unter www.berufsinfo.at werden Jugendliche über mehr als 1.000 Berufe umfassend informiert. Darüber hinaus werden jährlich etwa 100.000 Jugendliche in den Landeskammern intensiv beraten und ihre Fähigkeiten getestet." Die Beteiligung neuer Betriebe und neuer Branchen an der dualen Ausbildung ist die beste Gewähr, den Fachkräftenachwuchs in den Betrieben zu sichern. Dazu ist der Einsatz von Lehrstellenakquisiteuren, die den Kontakt zu neuen Betrieben knüpfen und diesen während der Lehrlingsausbildung mit Rat zur Seite stehen, verstärkt zu fördern. Leitl: "Ich erwarte mir, dass das AMS und das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur dem Beispiel der Wirtschaftskammerorganisation folgen und ebenfalls nachhaltiger und umfassender beraten."

"Dank der dualen Ausbildung, die in genialer Weise Theorie, Praxis, Wissen und Können verbindet und der über 40.000 Ausbildungsbetriebe, die fast 130.000 Lehrlinge ausbilden, hat Österreich europaweit die geringste Jugendarbeitslosigkeit und die besten Facharbeiter. Wir können damit weltweit anerkannte Qualitätsstandards halten und im internationalen Wettbewerb konkurrieren. Länder, die ihren Jugendlichen ausschließlich schulische Ausbildung gewähren, beneiden uns um unser duales System. Wir sollten alle im Sinne des "Paktes der Jugend" die positive Entwicklung unserer dualen Berufsausbildung weiter fördern, statt alle Jahre wieder im Herbst durch Schreckensszenarien der Arbeitnehmerseite von Tausenden Jugendlichen, die auf der Straße stehen und daher in schulischen Auffangnetzen untergebracht werden müssen, zu verunsichern. Wir wissen, dass es Jugendliche gibt, die mit 15 noch nicht ausbildungsreif sind. Gerade für diese wurde im Rahmen der Reform des Berufsausbildungsrechtes die Vorlehre weiter geöffnet. Dadurch können diese Jugendlichen innerhalb von zwei Jahren die Ausbildungsreife erlangen oder in den Arbeitsmarkt überwechseln. 2.000 Plätze stehen durch Maßnahmen der Bundesregierung in Lehrgängen zur Verfügung. "Oberstes Ziel muss es allerdings sein, dem Wunsch der Jugendlichen nach einer regulären Ausbildungsstelle statt einer Ersatzstelle in Lehrgängen nachzukommen", so Leitl.

Die Lehrvertragszahlen per Ende Oktober bestätigen mit einem Plus von 4,76 Prozent den seit Monaten anhaltenden positiven Trend. Mit 49.581 eingelangten Lehrverträgen erhöhte sich die Zahl per Ende Oktober um 2.358 gegenüber dem Vorjahr. Die größten Zuwachsraten weisen die Bundesländer Vorarlberg mit plus 9,5 Prozent, die Steiermark mit plus 9,1 Prozent und Oberösterreich mit plus 7,8 Prozent auf, gefolgt von Kärnten (4,3 Prozent), Tirol (3,5 Prozent) und Niederösterreich (3,3 Prozent). (pt)

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