"Die Presse"-Kommentar: "Kranke Hirne" (von Friederike Leibl)

Ausgabe vom 8.11.2000

WIEN (OTS). Die ersten Anzeichen erwecken keine erhöhte Aufmerksamkeit: Vergeßlichkeit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit -Allerweltssymptome in der modernen Zivilisation. Bei 81 Briten und zwei Franzosen markierten die Beschwerden allerdings den Beginn der tödlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD), der menschlichen Form des Rinderwahns (BSE).
Das verseuchte Gehirn, schwammartig erweitert und mit kleinen Löchern durchsetzt, ähnelt bei der Obduktion Schweizer Käse, schildern Forscher. Gestorben wird langsam und qualvoll, erst gegen Ende hin in völliger Teilnahmslosigkeit. Die Opfer sind im Durchschnitt keine 30 Jahre alt. Wie viele Menschen noch an CJD dahinsiechen werden - Prognosen schwanken zwischen 100 und 500.000 - ist ungewiß.
Die grausamen Facetten der von Menschenhand ermöglichten Übertragung von Rinderwahn auf Menschengehirne bilden aber nur die Oberfläche des BSE-Skandals. Denn wie sich angesichts der jüngsten Entwicklungen in Frankreich zeigt, geht der systematische Betrug an Verbrauchern trotz neuer Forschungserkenntnisse munter weiter.
Die perverse Vorgangsweise, an Wiederkäuer Tiermehl zu verfüttern, wurde lediglich adaptiert: Viehfutter aus (großteils kranken) Tierkadavern darf zwar nicht mehr an Rinder, aber weiter an Schweine oder Hühner verfüttert werden. "Irrtümlich" geriet das billige Kraftfutter aber weiterhin auch in die Futtertröge von Rindern, bekannte nun das französische Landwirtschaftsministerium: Trotz solcher fataler Fehler wiegelte Agrarminister Jean Glavany ab: "Kein Grund zur Panik".
Auch diesmal wird der Glauben, daß die Industrie schon wisse, was sie tue, nicht erschüttert werden. Wirtschaftlich denkende Hirne müssen ökonomische Interessen schließlich auch vor die Hysterie der Konsumentenschützer stellen. Oder nicht?
Falls aber doch ein generelles Verbot für die Verfütterung von Tiermehl ausgesprochen wird, stellt sich ohnedies ein weiteres Problem: wohin mit Tausenden Tonnen an Kadavern? Die Schweiz hatte dafür bisher eine recht wirtschaftliche Lösung: exportieren. Irgendwer wird den Abfall schon kaufen.

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