Pressestimmen/Vorausmeldung/Innenpolitik

"Presse"-Kommentar: Abschiedssymphonie (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 6. November 2000

Wien (OTS). Intellektuell, mentalitätsmäßig und charakterlich überfordert:
Dieses Kurzurteil faßt zusammen, warum schon der dritte FP-Minister binnen kurzem wieder ausscheidet.
Die Begleitumstände waren jedesmal andere. Der Kern ist immer derselbe: Die FPÖ war außerstande, jene Funktionen, die ihr auf Grund des explosionsartigen Wachstums in den letzten anderthalb Jahrzehnten zugefallen waren, auch nur annähernd adäquat zu besetzen. Das trifft nicht nur auf die drei Kurzzeit-Minister zu, sondern
auch
auf viele Länderfunktionäre, an der Spitze zweifellos die Bundeshauptstadt Wien. In der Wirtschaft werden auch drittrangige Positionen erst nach sorgfältigem Auswahl- und Prüfungsverfahren besetzt. In der Politik werden Spitzenfunktionen meist im Eilverfahren in rauchigen Hinterzimmern vergeben - oder neuerdings gar nur noch via Handy-Konferenz. Gewiß: Das Artilleriefeuer auf die neue Regierung von allen Seiten hat die Auswahl besonders erschwert. Die Freiheitlichen haben aber ein viel tieferes Problem: Ihr Erfolgsgeheimnis - die absolute Herrschaft Jörg Haiders - hat den Andrang intelligenter und charakterfester junger Menschen auf die Partei in extrem engen Grenzen gehalten. Wenn als einziges Gebot einer Partei der jeweils letzte Wille Jörg Haiders gilt - der sich noch dazu alle paar Tage um 180 Grad wandeln kann -, dann ist es für niemanden attraktiv, da mitzumachen. Wenn eine Partei mit Menschen auch in Spitzenfunktionen ununterbrochen so umspringt, wie es die FPÖ tut, wenn jeder über Nacht in die existentielle Wüste geschickt werden kann, dann finden sich eben nur so unstabile Typen wie Michael Schmid. Dieser hat auch nicht begriffen, daß hemdsärmeliges Herum-Berserkern und inhaltliches Chaos in der FPÖ nur einem erlaubt ist, nämlich Jörg Haider.
Ob das alles der Koalition guttut? Daran zu glauben, bräuchte
schon
sehr viel Optimismus. Gewiß kann man meinen, daß nun die ärgsten Schwachstellen des Kabinetts beseitigt sind. Aber der ultimative und selbstvernichtende Rundumschlag der Freiheitlichen steht wohl noch bevor: Dann, wenn in der Spitzelaffäre Freiheitliche nach der Reihe vor Gericht antreten müssen.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR