Pressestimmen/Vorausmeldung/Außenpolitik

"Presse"-Kommentar: Hat uns die Welt wieder lieb? (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 4. November 2000

Wien (OTS). Österreichs Chefdiplomatin lebt zur Zeit aus dem Koffer: Ein
Handkuß des spanischen Außenministers in Madrid, ein "bacio" mit Lamberto Dini in Rom, gestern Lissabon, übermorgen Belgrad und just zum Wahl-Showdown im fernen Westen bei Amtskollegin Albright. Außenministerin Benita Ferrero-Waldner tut gerade, was ein Außenminister eben so tut: bilaterale Kontakte mit den wichtigsten Partnern pflegen. Und es fällt deshalb auf, weil die österreichische Diplomatie das gut ein halbes Jahr nicht tun durfte - aus bekannten Gründen. Die Welt hat uns also wieder lieb. Hat sie uns lieb?
Die eilig nachgeholten Besuche in Europas Hauptstädten lassen das zunächst vermuten. Und auch der erste bilaterale Besuch in Washington seit bald zehn Jahren (!) ist ein gutes Zeichen (auch wenn er die Frage nahelegt, was in den vielen Jahren vor der internationalen Ächtung Österreichs im Verhältnis zu den USA falsch gelaufen ist).

Aber halt: Washington hat sich den Sanktionen der EU-14 natürlich nie offiziell angeschlossen, sondern einen eigenen Beobachtungsmodus gewählt. Das hob sich in Zeiten schulmeisterlicher Hysterie gegenüber Österreich wohltuend ab, bedeutete in der Praxis aber Ähnliches (bis hin zum monatlichen Rapport der US-Botschafterin im State Department). Jetzt laufen die Nichtmaßnahmen gegen Österreich zeitverzögert still und heimlich aus.

Zur völligen Normalisierung der diversen Beziehungen fehlt aber noch
Einiges, so lange der französische Europaminister Kontakte ausschließt, oder solange der Besuch eines österreichischen Bundeskanzlers in Deutschland für Turbulenzen sorgt, weil der deutsche Kanzler ihn erst nicht sehen will und sich erst nach medialer Aufregung dazu bequemt, ein Treffen mit dem Österreicher zu vereinbaren. Derweil man sich in Berlin über das Beleidigtsein Wiens mokiert. Das alles ist angesichts der anstehenden Agenden (z. B. EU-Reform) keine wirkliche Basis.

Weil es zudem ja überhaupt nicht ums Liebhaben geht (mit der Illusion, als Österreich einfach geliebt zu werden, hat sich das Land lange genug in den Sack gelogen), sondern darum, als Partner wieder ernst genommen zu werden. Und zwar von allen Partnern.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR