• 25.10.2000, 15:28:28
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  • OTS0219

"KURIER" Kommentar: Was ist das neue "Modell Österreich"? (von Alfred Payrleitner)

Ausgabe vom 26.10 2000

Wien (OTS) - Der Nationalfeiertag dürfte recht schön werden.
Traditionell wird bei dieser Gelegenheit gewandert - Grund genug, um
beim Gehen auch den Kopf zu bemühen. Denn diesmal gibt es mehr zu
feiern als sonst: Mit der Entschädigung für Zwangsarbeiter der Nazis
hat sich unser Land selbst von einer Schuldlast befreit. Auch die
blamabler Weise noch offenen jüdischen Vermögensfragen dürften bald
mit einem Kompromiss enden. Für alle, die immer noch nicht spüren,
warum das wichtig ist: Hier geht es nicht um Weltkriegsfolgen,
sondern um einen Krieg ,der noch im Frieden gegen einen Teil der
eigenen Bevölkerung geführt wurde. Gestohlenes Gut muss zurückgegeben
oder entschädigt werden, so weit das noch möglich ist. Solche Akte
fundieren einen völlig normalen, anständigen Patriotismus. Dabei
handelt es sich nicht um ein Pfuiwort, sondern um ein Grundgefühl,
das von nahezu 92 Prozent aller Österreicher geteilt wird. So viele
sind nämlich "stolz" oder "sehr stolz" auf ihr Land, wie eine
Fessel-Umfrage bestätigt. Für sie ist auch der alte Streit um die
"Nation" längst kein Thema mehr. Sie leben sie einfach. Heuer gab es
weiteren Grund zur Bestätigung des Selbstbewusstseins: Die letztlich
erfolgreiche Auseinandersetzung mit den Maßnahmen der 14 EU-Länder,
das parteiübergreifend entstandene "Manifest für Österreich", den
parlamentarisch korrekten Wechsel zu einer anderen Regierungsform
samt Dynamisierung der Demokratie. Noch vor einem Jahr galt die
Hauptkritik der zunehmenden Ununterscheidbarkeit der Großparteien.
Beklagt sich da noch jemand? Die Justiz funktioniert, wie auch die
aktuelle Diskussion beweist, und die Wohlstandsbilanz ist beachtlich,
trotz aller sozialen Defizite. Aber ist das genug? Ein anderes,
parteiunabhängiges Kolloquium (Trautl Brandstaller, Peter Diem), das
in diesen Tagen zusammenkam, wirft die Frage auf, ob Österreich eine
neue "Staatsdoktrin" braucht. Tatsächlich haben sich die
außenpolitischen Koordinaten radikal verändert - in knapp sieben
Wochen werden die Österreicher in einer ganz anderen EU erwachen und
bald darauf nur Bürger eines unter vielen anderen,
zentraleuropäischen Mittel- und Kleinstaaten sein. Welches Modell,
welche Besonderheit bietet Österreich da an? Wer noch unter
großösterreichischen Erinnerungen erzogen wurde, hat dabei wenig
kulturelle Probleme. Die Zweite Republik hat aber dann "small is
beautiful" zur Staatsphilosophie gemacht, ein liebes, auch recht
provinzielles Unternehmen, wie sich jetzt herausstellt. In Hinkunft
werden andere Themen bestimmend sein - auch nicht mehr die
"Vergangenheitsbewältigung", die einer biologischen Lösung
entgegengeht. Viele Kritiker werden sich bemühen müssen, wie sie sich
besser jenen 92 Prozent ihrer Landsleute verständlich machen, die
dieses Österreich lieben - trotz allem.

Rückfragehinweis: Kurier
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649

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