OVS007: 54. Van Swieten-Kongress 4 Pressegespräch: 54. Van Swieten-Kongress "Molekulare Medizin und Gentechnik - Was ist heute schon Alltag?"

Epidemiologische Studie über Art und Häufigkeit gefäßbedingter Neu- und Fehlbildungen bei Tiroler Kindern - OA Dr. Alexis Sidoroff, Univ.Klinik f. Dermatologie und Venerologie, Innsbruck Ziel der Untersuchung:

Gefäßbedingte Neu- und Fehlbildungen an der Haut sind bei Kindern keine Seltenheit. Ziel der Studie war, genaue Zahlen über Art, Häufigkeit und Verlauf solcher Hautveränderungen bei Tirols Kindern zu erheben.

Was sind gefäßbedingte Neu- und Fehlbildungen?

Bei den gefäßbedingten Neubildungen im Kindesalter sind die sogenannten infantilen kapillären Hämangiome (Blutschwämme) die weitaus häufigsten. Bei ihnen kommt es zu einer gutartigen Wucherung von gefäßbildenden Zellen (sog. Endothelzellen). Die Hämangiome sind entweder bei Geburt vorhanden oder bilden sich kurz danach, können einige Wochen lang zu sehr unterschiedlicher Größe heranwachsen und bilden sich dann langsam (oft über Jahre) wieder zurück, meistens ohne Spuren zu hinterlassen; manchmal können aber Reste oder Narben zurückbleiben. Je nach Lokalisation und/oder Größe können Hämangiome gelegentlich zu Komplikationen, wie Blutungen oder Entzündungen, in ganz seltenen Fällen sogar zur Erblindung oder zum Tode führen.

Bei gefäßbedingten Fehlbildungen sind die häufigsten die sogenannten Naevi flammei (Feuermale) bei denen von Geburt an Blutgefäße im Sinne eines "Webfehlers der Natur" erweitert angelegt sind. Die betroffenen Hautbezirke erscheinen flächig rot. Man kann hier zwei Untergruppen unterscheiden: Die eine, im Volksmund als "Storchenbiß" bezeichnet, ist vorwiegend an Stirn, Oberlidern oder im Nacken lokalisiert und bildet sich nach einigen Wochen bis Monaten zurück. Die andere Gruppe bleibt zeitlebens erhalten. Die bleibenden Feuermale wachsen mit dem Kind mit und können in späteren Lebensjahren dunkler werden und auch knotige, erhabene Anteile ausbilden. Gewöhnliche Feuermale (ohne tiefe Anteile) machen zwar keine nennenswerten gesundheitlichen Probleme, können jedoch die Betroffenen aufgrund ihrer Auffälligkeit sehr belasten.

Es gibt zwar noch andere Gefäßmißbildungen, diese sind jedoch vergleichsweise selten und aufgrund ihrer Komplexität nicht anhand eines Fragebogens zuordenbar, weshalb solche Veränderungen nicht im Rahmen dieser Studie erhoben werden konnten.

Art der Erhebung:

Es wurden die Eltern bzw. Erziehungsberechtigten aller Schüler/innen der ersten Klasse Volksschule in Nord- und Osttirol gebeten einen Fragebogen auszufüllen. Durch die bestehende Schulpflicht konnte praktisch ein gesamter Jahrgang angesprochen werden (Kinder, die zwischen 1. September 1992 bis 31. August 1993 geboren wurden). Zudem dürften sich die Eltern zu diesem Zeitpunkt auch noch an solche Veränderungen an ihren Kindern erinnern können, wenn sich diese bis dahin schon zurückgebildet haben sollten.

Rücklaufquote:

Von den an allen 403 Tiroler Volksschulen verteilten 8881 Fragebögen erhielten wir 4670 zurück, was einer Rücklaufquote von 52,58% entspricht.

Anzahl der betroffenen Kinder:

In 931 dieser 4670 Bögen wurde zumindest eine gefäßbedingte Hautveränderung angegeben, was bedeutet, dass 19,94% der Kinder von solchen Veränderungen betroffen waren. Mädchen waren dabei 1 ½ x so häufig betroffen wie Knaben. Gefäßbedingte Neu- und Fehlbildungen betreffen also fast ein Fünftel der Tiroler Kinder.

Aufgeschlüsselt nach Art der Hautveränderungen (Läsionen) ergeben sich folgende Häufigkeiten:

Bei 3,0% der Kinder lagen Hämangiome vor, bei 16,77% Feuermale und bei 0,17% lagen andere oder nicht klar zuordenbare gefäßbedingte Hautveränderungen vor. Dabei können in ein und demselben Kind mehrere, Läsionen vorliegen, die auch verschiedenen Kategorien angehören können. Insgesamt wurden 1240 Läsionen angegeben, deren Verteilung sich wie folgt darstellte: 1056 Feuermale, 162 Hämangiome und 22 andere bzw. nicht genau zuordenbare Gefäßläsionen.

Häufigkeit und Verlauf von gefäßbedingten Fehlbildungen (Naevi flammei):

Der Großteil der als Feuermale klassifizierten Läsionen (1013 von 1056) war erwartungsgemäß bereits bei Geburt vorhanden. Gut (76,14%) der Feuermale hatten sich zum Zeitpunkt der Erhebung aber bereits zurückgebildet und sind somit als sogenannte Storchenbisse zu interpretieren. Bei 3,13% wurden keine Angaben über den Verlauf gemacht, die verbleibenden 219 Läsionen (20,75%) bilden somit die Gruppe der bleibenden Feuermale im engeren Sinne. Umgerechnet auf die Gesamtzahl der abgegebenen Fragebögen ergibt sich eine Häufigkeit an bleibenden Feuermalen von 3,28% der Kinder. Bei 44 Kindern sind diese bleibenden Feuermale im Gesicht lokalisiert.

Für die bleibenden Feuermale, d.h. Naevi flammei im engeren Sinn, lässt sich somit hochrechnen, dass in Tirol 6283 Personen von solchen Läsionen betroffen sein müssen. (Berechnungsgrundlage:
Gesamteinwohnerzahl in Tirol zum 31.12.1999: 668.348. Quelle: Amt für Raumordnung und Statistik der Tiroler Landesregierung).

Komplikationen sind bei einfachen Feuermalen nicht zu erwarten, sie können aber bei den Betroffenen durchaus zu nicht unerheblichen psychischen Belastungen führen. Trotzdem waren nur die Eltern von 2 Kindern der Meinung, ihr Kind sei durch das Feuermal seelisch belastet. Kein einziges der Feuermale wurde einer Behandlung zugeführt!

Häufigkeit und Verlauf von gefäßbedingten Neubildungen (Hämangiomen):

140 der 4670 Kinder, d.h. 3%, hatten Hämangiome (Blutschwämme). Dabei waren beinahe doppelt so viele Mädchen wie Knaben betroffen (Rate 1:1,85). Ein erhöhtes Risiko Hämangiome zu bekommen zeigten zudem frühgeborene Kinder. Auch bei gefäßbedingten Neubildungen kann ein Kind mehrere Läsionen haben; die Gesamtzahl an Hämangiomen betrug 162.

Der Großteil von Ihnen (138) war entweder bereits bei Geburt vorhanden, oder innerhalb weniger Wochen nach der Geburt entstanden. Zum Zeitpunkt der Erhebung, also mit dem 6. Lebensjahr, hatten sich 60 Hämangiome bereits von selbst vollständig, weitere 54 fast vollständig zurückgebildet. Bei 18 Hämangiomen wurde eine Behandlung durchgeführt, wobei das Spektrum von Operationen über Laserbehandlung bis zu Magnesiumspickung und Homöopathie reicht.

Bei 6 Kindern war es durch Hämangiome zu Komplikationen gekommen (Komplikationsrate 4,3%). Neben Erosionen (offenen Stellen), Blutungen und Entzündungen kam es bei 3 Kindern mit Hämangiomen im Augenbereich zu Sehstörungen oder gar zur Erblindung.

Häufigkeit betroffener Geschwister als Hinweis für eine erbliche Komponente?

In den Fragebögen wurde gefragt, ob die Kinder, bei denen die Erhebung gemacht wurde, Geschwister hätten und bei wie vielen von diesen ebenfalls vaskuläre Läsionen vorliegen bzw. -lagen. Zu diesem Punkt wurden in 2286 Bögen (1665 der Nicht-Betroffenen und 621 der Betroffenen) klare Angaben gemacht. Dabei zeigte sich bei Geschwistern nicht betroffener Kinder eine Rate von vaskulären Läsionen von 18,86% (314 von 1665 nicht Betroffenen), was vergleichbar mit der von uns erhobenen Rate bei den 6-Jährigen ist. Bei den Geschwistern betroffener Kinder lag die Rate ebenfalls betroffener Geschwister allerdings deutlich höher und zwar bei 54,11% (336 von 621 Betroffenen).

Dies kann durchaus als Hinweis auf eine familiäre Komponente bei vaskulären Neu- und Fehlbildungen interpretiert werden. Allerdings ist die Art der Erhebung und die damit verbundene Gestaltung der Fragen nicht ausreichend dazu geeignet, diese Frage beweisend zu klären.

Durch gefäßbedingte Hautveränderungen bedingte Arztbesuche:

Mit 143 (15,36%) der 931 betroffenen Kinder wurde ein oder mehrmals ein Arzt aufgesucht. Dabei wurde fast die Hälfte der Kinder mit einem Hämangiom (46,46%) einem Arzt gezeigt aber nur 8,84% der Kinder mit Feuermalen.

Auch die Anzahl der Arztbesuche pro Kind unterschied je nach Art der Läsion(en): In der Gruppe der Feuermale haben 64,71% den Arzt nur einmal konsultiert, 19,12% mehrmals und 16,18% gaben die Anzahl der Arztbesuche nicht an. Bei den Hämangiomen waren 44,07% öfter als einmal bei einem Arzt, 44,07% einmal und 11,86% machten keine Angaben.

Dieser Unterschied erklärt sich durch die häufiger notwendigen Verlaufskontrollen bei Hämangiomen, solange diese noch aktiv wachsen.

Die Gesamtzahl 181 ergibt sich daraus, dass manche Kinder bei mehreren Ärzten/Institutionen vorgestellt wurden. Die stationären Aufenthalte waren dabei ausschließlich durch Hämangiome bedingt.

Anhand des Postleitzahlsystems konnte eine Zuordnung der Fragebögen zu den Bezirken gemacht werden. Auch hier zeigte sich ein Unterschied in der Häufigkeit der Arztbesuche: während im Bereich der Landeshauptstadt Innsbruck fast 21% der betroffenen Kinder einem Arzt gezeigt wurden, waren es in Osttirol nur 11,25%.

Bemerkungen zur Behandlung gefäßbedingter Neu- und Fehlbildungen:

Erst seit der Entwicklung geeigneter Lasergeräte steht eine erfolgversprechende Behandlungsmethode bei Feuermalen zur Verfügung. Auch wenn die Behandlung langwierig ist (meist sind viele Behandlungssitzungen nötig) und nicht in allen Fällen eine zufriedenstellende Aufhellung erreicht werden kann, so gilt der (blitzlampengepumpte gepulste) Farbstofflaser heute als Mittel der Wahl zur Behandlung solcher Veränderungen, unter anderem auch, weil die Behandlungen äußerst risikoarm und komplikationslos sind. Seelische Belastungen durch einen "Makel", wie sie Feuermale darstellen können treten meist erst im Kindergarten- und Schulalter (z.B. durch Ausgrenzung und Spott durch Mitschüler) auf und werden von Eltern oft unterschätzt. Eine frühzeitige Laserbehandlung (bereits ab dem 2.-3. Lebensjahr) ist möglich und v.a. bei auffälligen Feuermalen im Gesicht durchaus in Erwägung zu ziehen.

Da die meisten Hämangiome sich ohne Behandlung restlos zurückbilden, erscheint vielen eine Therapie als nicht notwendig. Die Konsultation eines Spezialisten erfolgt meist erst, wenn die Hämangiome bereits eine beträchtliche Größe angenommen haben, oder Komplikationen zu machen drohen. Zu diesem Zeitpunkt ist eine Behandlung aber schwierig und oft nicht mehr ohne Nebenwirkungen (bei medikamentöser Behandlung) oder bleibende Folgen (Narben bei operativer Behandlung) möglich. Auch bei den Hämangiomen hat die Lasertechnologie die Behandlungsmöglichkeiten verbessert. Solange ein Hämangiom klein und flach ist, können durch eine Farbstofflaserbehandlung weiteres Wachstum und damit Komplikationen oft verhindert werden. Die Behandlung ist auch hier praktisch komplikationslos, dauert meist nur Sekundenbruchteile und stellt keine nennenswerte Belastung für das Kind dar. Aufgrund der geringen Eindringtiefe solcher Laser ist die Behandlung aber möglichst frühzeitig (d.h. zu einem Zeitpunkt, wo das Hämangiom noch flach ist) durchzuführen.

Über die Möglichkeiten und die Verfügbarkeit der neuen Behandlungsmethoden herrscht bei den Eltern Betroffener, aber auch bei vielen Ärzten noch ein Informationsdefizit.

Schlussfolgerungen:

- Gefäßbedingte Neu- und Fehlbildungen (vor allem Storchenbisse, Feuermale und Hämangiome) sind häufig und betreffen fast ein Fünftel der Tiroler Kinder.

- 20,75% der 1056 Feuermale bildeten sich nicht zurück und bei 4,3% der 162 Hämangiome traten Komplikationen auf. Hochgerechnet bedeutet dies, dass pro Jahr (bei ca. 8000 Geburten) in Tirol ca. 290 Kinder mit einem bleibenden Feuermal auf die Welt kommen und ca. 11 Kinder aufgrund von Hämangiomen Komplikationen erleiden.

- Sowohl bei den Feuermalen, als auch bei den Hämangiomen werden die modernen Therapiemöglichkeiten (insbesondere die Laserbehandlung) noch nicht optimal genutzt.

(Fortsetzung)

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

PR Susanne Havel
Tel.: ++43/1/710 55 01
Fax: ++43/1/710 55 01-20
e-mail: havel@netway.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NEF/BLUTSCHWÄMME